Zwei Läufe in einem – eine janz komische BC 2014

Zwei Läufe in einem – eine janz komische BC 2014

So titelte ich am 09.02.2014 bei jogmap.de. Da lag ein sehr komischer Lauf gerade erst hinter mir. Ein richtig schönes Wochenende war das. Eine richtig schöne BC.
Zur BC2015 und 2016 habe ich hier je schon geschrieben. Es steht die BC2019 an und so möchte ich einfach die Gelegenheit nutzen wieder einen alten Beitrag aus Jogmap hier festzuhalten.

Die BC2014 wurde später als die der Superlative benannt. Es ist auch die BC, in der die „spanische Runde“ entstand – aber dazu später. Los geht es mit den Eindrücken, die am Sonntagabend, dem 09.02.2014 aufschrieb:

So richtig habe ich es noch gar nicht für mich grade.
Das war gestern ein ziemlich guter Lauf mit einem völlig unerwarteten Ausgang. Aber das ist vielleicht auch nicht so unnormal für die Brocken-Challenge.

Dienstag Klamotten gepackt. So ein paar Gedanken über den Lauf gemacht, aber eigentlich war der ja eh nur als Trainingslauf geplant. Das Wichtigste war Freunde wieder zu treffen und zu klönen. Ja, Laufen wollten wir auch. So sind Riggo und ich aus Richtung Hannover angereist. Unser Mädels kamen aus Berlin nach. Diese ganzen Bekloppten wieder zu treffen, war super. Über den Lauf hab ich mir Freitag gar keinen großen Kopf weiter gemacht.
Was ist vom Freitag noch erwähnenswert? Das Briefing zur Strecke von Aschu war wieder ziemlich mittel. Freitagabend dann Essen fassen und klönen – auch recht mittel. Die Vorbereitung einfach perfekt, Maren. Abends dann noch das eine Absackerbierchen. Einfach mal doddal genial. 😉
Die Nacht war kurz, das Aufstehen quasi vor dem Wach werden. Wobei mir als Frühaufsteher macht das ja nich so viel aus.
Frühstück war dann wieder oben am Kehr. Irgendwie war ich mit dem Kopf immer noch nicht so groß beim Lauf. Hier ne Runde gequatscht, dort n Schnack. Und plötzlich war es 5:58Uhr. Na jezz aber raus. Geht gleich los.

Der Anfang war konzentriert. Tempo finden. Vorn stürzten wie erwartet gleich erst mal fünf, sechs Leutchen los. Mein Plan war mit 3:30h in Barbis bei km42,195 ankommen und dann sehen, was geht.
Laß die anderen laufen. Wenn sich einer von denen ausschießt, werde ich ihn noch mal sehen. Wenn nicht, ist das auch OK.
Wir waren am Anfang zu Dritt in der Gruppe nach der Spitze. Die war allerdings ziemlich schnell außer Sichtweite. Immer mal wurden ein paar Worte gewechselt. Aber in Summe war es ein ruhiges nebenher laufen. Das war angenehm.
Beim Starten des BC-Tracks hatte sich die Laufuhr aufgehangen. Deshalb ging es die ersten km nur nach Gefühl. Später hab ich sie aus und wieder neu angemacht. Dann war der Track auf dem Display. Jeder km wurde im Nachhinein angezeigt. Aber das Laufen ging rein nach Gefühl. Es hatte zu passen. Zur Laufzeit an irgendeinem Streckenpunkt hatte ich die ganze Zeit keine Ahnung. Ich war auch zu faul auf der Uhr rumzudrücken. Einfach den Track drauf haben und ansonsten regelmäßig die Systeme abfragen und einfach laufen. Kurz vor den VPs schob ich mir in Saft und Wasser aufgequollene Chiasamen ein. Am VP dann zwei Becher Tee drauf und weiter.
Nach Rollshausen, km20 waren wir glaub ich noch zu zweit. Aber eigentlich wollte ich allein laufen, wollte meinen Rhythmus laufen, in der Ebene wie am Berg mein Dembo. Einfach ich für mich allein mein Ding. Bis Rhumesquelle km30 keine Chance. Am Berg war ich weg und in der Ebene oder bergab war er wieder ran. Bis Rhumesquelle halt. Dann ging es tendenziell hoch und ich war weg. Nicht, dass der Vorsprung groß gewesen wäre. Aber das war eh egal. Ich war allein. Und ich war irgendwie immer etwas getrieben. Lies ich nach, war er wieder ran. Also immer schön Spannung halten. So rannen die km dahin.
Vorn kam Barbis in Sicht. Dann der VP. Das Reinlaufen war schon sehr speziell. Ich war in einem Lauf und irgendwie doch nicht. Keine Ahnung wie man das beschreiben soll. Eigentlich wollte ich nur einen guten Lauf hinlegen und das hatte ich bis hier her eigentlich ganz gut hinbekommen. Ich war an Sechs oder Sieben, nach vorn war sicher alles gegessen, nach hinten hatte ich einen unmittelbar im Nacken und sonst war sicher wieder Luft. Also war eigentlich kein Streß. Aber bisher lief alles super und nur das war jetzt bis hoch so zu erhalten. Einfach gut Laufen und darauf lag der Fokus im Kopf. Die Platzierung war ziemlich definiert. Und weil es so lief, wie es lief hatte ich beim ranlaufen an den VP irgendwie Gänsehaut.
Ja, und dann halt der Stop am VP. Erwähnte ich eigentlich bereits was ein super Support bei diesem Lauf ausmacht? Irre viel! Während ich das in Rollshausen etwas verpeilt gar nicht wirklich wahrnahm, war Barbis der Hammer!

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Bild von Volker Hillebrecht

Geplant war der Schuhwechsel auf Spikes und ein Shirtwechsel. Ich lief in Barbis rein und wurde nur noch umhegt. Geil. Tanja hatte einen Stuhl parat. Hinsetzen, Schuhe aus und Einlagen raus, rein in die anderen, Silke sauste nach nem Shirt, Jacke aus, Shirt wechseln, Jacke wieder an, Rucksack auf. Da wurde hier geholfen, da gefragt, dort gezupft und dann wieder los. Trinken und Futter war im Rucksack. Das kann ich auf dem kurzen Anstieg direkt nach Barbis fassen. Vor dem Lauf war noch die Überlegung, ob ich vielleicht noch mal den Support in Lausebuche in Anspruch nehmen wollte, um da erst auf Spikes zu wechseln. Da ich die nun aber schon hier anzog, konnten die Mädels dann direkt nach Schierke weiter.
Kurz bevor ich raus bin, kam mein „Verfolger“ auch rein. Irgendeiner bestätigte mir noch, dass es kurz nach 3:30h wäre. Perfekt. Voll im Soll. Dann ging’s aber auch schon weiter.
Im Anstieg merkte ich, dass ich die kleinen Fläschchen mit den Chiasamen nicht anbei hatte. Alle hatten sich am VP so super gekümmert, aber ich war irgendwie voll verpeilt, doddal im Tunnel.
Einen Liter mit Chiasamen hatte ich davon zwar anbei, aber die Flasche war dünner angerührt. Das würde nur bis Lausebuche reichen. Ok, dann eben ab da auf die Verpflegung der BC zurückgreifen. Was mich da erwartete, war mir nicht ganz klar. Frank organisiert die sehr vegan, aber es würde schon gehen.

Jetzt ging’s erst mal in den Entsafter und ich mußte erst mal meinen Verfolger wieder los werden. Das ging relativ schnell.
Punkt Zwei war konzentriert im Entsafter I bis Jagdkopf Vorsprung rauszulaufen – ohne sich zu zerschießen! Es kamen ab Jagdkopf noch 27 lustige km. Schnee oder Harsch oder was auch immer war garantiert. Kräfte einteilen war wichtig. Schön kontinuierlich zog ich den schneefreien Entsafter hoch. Wo es etwas steiler war, ein ticken langsamer, wenn‘s flacher wurde, wieder Zug rein. Die km im Anstieg wurden einer für den anderen runter gezählt. Noch vier, noch drei, noch zwei… Irgendwann dann endlich der VP Jagdkopf. Es war herrlich die Mädels da zu sehen! Wieder kurz Chiasamen und etwas Tee und weiter. Beim Anlaufen war unten noch niemand zu sehen. Sehr schön! Aber darauf wird sich nicht ausgeruht. Jetzt kommt der relativ flache Entsafter II. Da hieß es weiter Druck machen – schön kontrolliert.
Hier wurde die Strecke etwas vereist. Ich denke, mit normalen Schuhen oder Yaktrax war das auch ganz gut laufbar. Mit Spikes war es sehr komfortabel. Man konnte sich aufs Laufen konzentrieren. Es fing an richtig Spaß zu machen. Klar ging es langsam Richtung Anschlag, klar waren die vorherigen 55km in den Beinen, aber irgendwie war da noch Luft. Die km flogen dahin. Ich zählte jeden km bis zur Lausebuche runter. Ich war allein, ich sammelte sicher Meter um Meter Vorsprung oder hielt ihn zumindest und es lief einfach. Immer mal wieder traf ich auf Wanderer. Auf dem letzten km vor Lausebuche war wieder jemand vor mir. Aber Moment mal. Das war einer mit kleinem Rucksack. Das war… Nee, kann nich sein! Doch! Da lief einer vor mir. Sofort wurde der Schritt schneller. ‘Hee! Schön ruhig, Brauner. Das sind noch 18km.‘ Einfach so weiter und dann bin ich schon irgendwann vorbei. So schob ich mich janz langsam ran. Noch 200m bis VP. Da zog ich doch noch mal kurz und lief mit ihm zusammen in den VP Lausebuche.
Da war Überraschung. Maren, Rina und Silke. Was machen die denn hier? Eigentlich wollten die doch direkt nach Schierke fahren.
„Schalk, vermisst du was?“
Ich hatte beim Schuhwechsel in Barbis doch tatsächlich vergessen eine Einlage in die Spikes zu machen und bin die 20km in einem Schuh komplett ohne irgendeine Einlage gelaufen. Geht also auch. Gemerkt hatte ich das kein Stück.
Als ich die Einlage sah, meinte ich nur: „Klar, hab ich die ganze Zeit vermißt!“ und beim hinsetzten fragte ich dann erst mal welchen Schuh ich jetzt ausziehen müsse. Sehr komisch. Das gute an dem „Mißgeschick“ war, dass Silke mir die zwei kleinen Fläschchen Chiasamen in die Hand drücken konnte für den Rest der Strecke als Verpflegung. Und so ganz nebenbei war es natürlich klasse für den Kopf die Mädels zu sehen. Ich war richtig happy, irgendwie gut drauf.
Nun aber weiter! Im Loslaufen meinte Maren noch, dass Lars gerade erst vor ner Minute hier weg sei. Das war natürlich eine sehr komische Nachricht. Die Spitze war doch Ewigkeiten von mir weg. Und jetzt plötzlich hatte ich von der Spitze Einen schon überholt und ein wirklich Schneller war nicht weit weg von mir.
Wie kann das gehen? Was ist hier los?
Während ich gerade noch einen schönen und doch entspannten Lauf hatte, drehte sich plötzlich alles. Ich wußte gerade nicht, was ich damit anfangen soll. Aber ich war gut drauf und es waren nur noch 18km. Die sollten noch einmal sehr ereignisreich werden…

18km Wettkampf? – eine janz komische BC 2014

VP Lausebuche, km 62 irgendwas. Ich fühle mich gut und ziehe wieder los.
Lars direkt vor mir? Na das kann ja was werden. OK, einfach Laufen und dann sehen, was kommt.
Meine Garmin hatte irgendwo um Lausebuche den Dienst versagt, aber ab jetzt kannte ich den Weg weitgehend und die Paceangaben waren jetzt eh egal. Jetzt heißt es das Dembo nach Gefühl richtig treffen.
Während es vor Lausebuche kaum Schnee und nur hier und da etwas Eis gab, war jetzt der Schnee garantiert. Ich freute mich erneut riesig über meine Schuhwahl. Die Spikes waren wirklich Gold wert. Es war Harsch und Schnee und Eis und ein nicht wirklich super zu laufender Untergrund. Ich kam super damit klar. Gefühlt flog ich den Weg entlang. Und in der Tat dauerte es nicht lange bis ich den ersten Rucksack vor mir auftauchen sah – und da war nicht nur einer, drei Leutchen waren da vor mir und nicht weit auseinander. Der Geschwindigkeitsunterschied war schon recht merkwürdig. Während ich leicht über den Schnee glitt, sah es so aus, als würden bei den anderen die Schuhe am Boden festkleben. Nein, natürlich war es nicht so, aber die eigene Wahrnehmung ist bei km65 dann doch irgendwie etwas einfacher. Wer die anderen zwei waren, wußte ich nicht. Ich grüßte kurz und war vorbei. Lars kannte ich. Auch da ein kurzer Gruß und weg war ich. Später meinte Lars, er hat dort versucht zu folgen. Mein Schritt muß da aber doch etwas zügig gewesen sein. Es dauerte nicht lange und ich war aus dem Sichtfeld.
Als ich an den Dreien vorbei bin, sahen alle drei nicht wirklich gut aus. Die würde ich nicht wiedersehen – meinte ich. Aus einem Trainingslauf war plötzlich ein Wettkampf geworden, ein Lauf auf das Treppchen bei einer Laufveranstaltung, bei der ich nie im Leben auch nur ansatzweise gedacht hatte so weit vorn landen zu können.
An welcher Position war ich jetzt eigentlich? Wie viele waren noch vor mir? Einer? Zwei? War ich wirklich auf dem Treppchen unterwegs? Wie weit war der Nächste vor mir?
Vor dem nächsten VP würde ich das nicht erfahren und jetzt hieß es die Kräfte noch besser einteilen. Jetzt durfte ich nicht überzocken. Also etwas Dampf wieder raus und das Ding „in aller Ruhe nach Hause schaukeln“. Noch ein km bis Königskrug. Der Wegweiser zeigte nach links und weitere 150m weiter bog ein Pfad nach rechts ab. Kaiserweg stand am Wegweiser. Schick. Ich will aber nach Königskrug. Wieso steht das hier nicht? Ich meinte, der Weg geht rechts am Waldrand entlang. Keine Menschenseele in der Nähe. Garmin aus und keine Ahnung wo wirklich lang. Das kann doch nicht wahr sein! Ich kann doch jetzt unmöglich auf die anderen warten. ‘Schalk, die Erinnerung sagt rechts, also lauf rechts!‘ Kaiserweg klingt gut. Den nehme ich.
Vielleicht 100m weiter die nächste Überraschung. Von Links aus dem Wald kommt ein Läufer. Das muß einer mehr aus der Spitzengruppe sein. Dann bin ich jetzt ganz vorn? Das kann nicht sein! Auch er sah nicht so gut aus. Ich hatte noch ganz gut Dembo drauf, aber langsam machte sich der „Flug“ der letzten km bemerkbar. Also ging es erst mal fix vorbei und in Königskrug erfuhr ich, dass einer bereits durch wäre – allerdings vor ner halben Stunde. OK. Dann ist jetzt erst mal klar wo es lang geht. Nach dem VP mußte ich erst mal die Gedanken sortieren, die Lage klar kriegen. Ich war jetzt also in der Tat an zweiter Position. Hinter mir liefen vier Leute, die noch ein ganz anderes Potenzial haben als ich, die aber nicht mehr so frisch aussahen wie ich mich fühlte. Jetzt hies es einfach „nur“ das Tempo halten und die Platzierung verteidigen. Wenn ich nicht nachlasse, ist das Ding im Sack. Und bei diesem ganzen Rumgedenke und der Überholerei, vernachlässigte ich allerdings die Versorgung. Der Weg wurde grottenschlecht. Bäume lagen mitten im Weg. Klettern war angesagt und Bücken. Da war kein Laufen mehr, sondern Kraxeln. Und mit diesem rumgekraxel kam dann auch das befürchtete Tief. Man, mußte ich mich zusammenreißen, um weiter Druck zu machen. Aber schneller würden die anderen ja auch nicht sein, meinte ich. Naja, Denken und Wirklichkeit.
Und plötzlich tauchte neben mir ein bekanntes Gesicht auf. Lars kam wie aus dem Nichts.
Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber irgendwie habe ich mich gefreut, dass er in den Lauf zurückgefunden hatte. Es war schön, mit ihm zusammen laufen zu können. Wir liefen nun ein Dembo. Er war der Meinung, wir wären an Drei. Ich klärte ihn über den Irrtum auf und wir beschlossen das Ding zusammen zu Ende zu bringen. Wobei ich ihm sagte er solle Losziehen, wenn er könne. Noch waren es mehr als 8km. Auch da muß man haushalten. Bis Oderbrück liefen wir auf jeden Fall zusammen. Am VP mußte ich dringend was Trinken. Die Akkus waren fast leer – zu leer für weitere 7km ohne Auffüllen. Lars trank kurz nen Becher Tee, aß nen Apfel und lief weiter. „Los, komm Schalk.“ „Mach mal, Lars. Ich muß erst Trinken. Ich komm.“ Ich ließ ihn ziehen. Er hatte auf den letzten Metern vor dem VP einen so unwiderstehlichen Zug. Das würde mich zerreißen. Ich muß mein Ding laufen. Das geht jetzt nicht anders. Ist so.
Noch nen Becher Tee und weiter. Lars war 200m weg. OK, das wird dann halt nix mehr. Aber auch das war egal. An drei und kurz hinter ihm. Das ist gut genug! Definitiv.
Die Strecke ging eigentlich nicht wirklich schwierig. Aber irgendwie war der Akku leer. Lars entfernte sich Meter um Meter. Nächstes Hinweisschild: Brocken 6km. Da kam mir mein Gel im Rucksack in den Sinn. Mensch, du hast doch noch nen Turbo zum zünden. Naja, Turbo vielleicht nicht mehr. Aber ein Dembohalten würde ja schon reichen. Kurz angehalten, Gel raus, rein das Zeugs, Verpackung wieder in den Rucksack, selbigen auf und weiter. Lars war fast schon außer Sicht. 300m waren es sicher. Jetzt hieß es Zähne zusammenbeißen und warten, dass die Wirkung einsetzt. Es ging langsam wieder. Der Abstand vergrößerte sich jedenfalls nicht mehr.
Dreieckiger Pfahl. Beim Abbiegen drehte ich mich kurz um und meinte den Spanier, den ich kurz vor Königskrug überholt hatte, gesehen zu haben. Na jetzt wird es spannend! ‘Schalk, nachlassen ist jetzt nicht mehr drin! Jetzt ging es ums Treppchen. Noch einmal runter, dann die Rampe hoch, an der Bahn entlang und zum Schluß noch die Brockenstraße. Weit war es wirklich nicht mehr. Aber es sollte noch weit werden!
Ab jetzt hatte ich Lars fest im Blick. Vorn ist das Ziel, nicht hinten!
Runterzu machte ich Druck, oder jedenfalls das was man da so als Druck empfindet. Das muß der hinter mir auch erst mal laufen – und er muß schneller als ich, um ranzukommen. Also einfach ans Limit. Dann muß ich mir später keinen Vorwurf machen. Dann kam die Brockenrampe. Das ist ein recht steiler und nicht soo kurzer Anstieg hoch zur Brockenbahn. Lars vor mir ging hier. Unten lief ich noch. Aber dann dachte ich, dass schnelles Gehen sicherlich genauso schnell wäre wie Laufen – und es war kräftesparender in dem Moment. Meter um Meter kam ich ihm näher. Ein Haufen Leute waren auf der Rampe, hoch wie runter. Mein Blick war fixiert auf den Boden und ab und an schaute ich wie der Abstand sich verkürzte. Vielleicht noch 150m. Aber ich war erst in der Mitte der Rampe. Dann war Lars oben. 100m mögen es noch gewesen sein. Doch jetzt konnte er frei Laufen und ich mußte noch etwas steil hoch. Er winkte ich solle kommen – und lief weiter.
Oben! Jetzt waren es vielleicht noch drei km. Ich drehte mich janz kurz um und sah den Spanier nicht. Aber vielleicht hatte ich auch nur nicht richtig geschaut. Vorn war Lars. Ich war platt, aber ich drückte und schob mich jaaanz langsam ran. Nein, einfach machte er mir das nicht. Warum auch? Aber ich kam näher. Der Weg an der Bahn zog sich wie Kaugummi. Andererseits wollte ich gern noch vor der Brockenstraße ran sein. Kurz vorher war es geschafft! Juhu! Und ich war im Eimer. Das Witzige war, dass Lars das Gleiche meinte. Dann gehen wir eben bis oben. Aber ab jetzt zusammen! Naja, Gehen war keine gute Idee. Laufen sollten wir schon. Vielleicht kam da doch noch einer von hinten.
Die Brockenstraße war noch einmal richtig hart. Da war schon noch mal Gehen dran, aber dann auch wieder Anlaufen. Schneller als diese ganzen Touris waren wir allemal. Kurz vor dem Bahnhof meinte irgendjemand, dass das eine super Zeit werden würde. Ich hatte ja keine Ahnung wie schnell wir on tour waren. Die Garmin war lange aus und meine letzte Zwischenzeit kannte ich von Barbis. Er meinte etwas von 7:15h wären rum. Völlig ungläubig schaute ich zu Lars. „Das kann nicht sein!“ Doch, jetzt sind grad 7:17 vorbei. Irre! Völlig Irre! Vor zwei Jahren bin ich eine 8:04h gelaufen und das war anstrengend und die Bedingungen waren damals auch recht gut. Und jetzt das!

Fast am Anstrengendsten war das Slalomlaufen. Oben am Bahnhof war grad ne Bahn ausgekippt worden. Die Leute schauten uns etwas verständnislos an. Aber das war jetzt egal.
Wir waren unterwegs in Richtung Ziel! Wir würden Zweiter werden! Zweiter! Und das in einer Fabelzeit! OK, für mich Fabelzeit. 😉
Nach dem Zieleinlauf wollte Lars gleich ins Warme. Es zog hier oben doch etwas. Aber das war nicht zulässig! Also doch noch kurz Jacke an und ab zum Brockenstein. Dieses klasse Ergebnis muß dokumentarisch festgehalten werden!

7:21h stehen in der Ergebnisliste. Die bisherige Bestzeit lag auf der Strecke bei 7:25h. Ich habe die Zeit vor allem den sehr guten Bedingungen zugeschrieben. Andererseits waren die 2011 auch ganz gut und da ist Lars die 7:25h gelaufen. Ich war da eben noch auf den 8:04h unterwegs. Muß also wirklich ein recht guter Lauf von Lars und mir gewesen sein.
Etwas in den Schatten werden wir allerdings von einem kleinen (?) Floh gestellt. Klein? In den Schatten gestellt? Nein, nicht wirklich. Ein riesen Ultradebüt hat er hingelegt, der Florian Reichert! Eine grandiose Zeit hat er hingelegt. Wir zwei waren im Vergleich zu den Läufen der vergangenen Jahre wirklich schnell. Aber Florian ist nicht nur den ersten Teil, sondern auch den zweiten Teil der Strecke geflogen. 6:44h sprechen da eine sehr deutliche Sprache. Unheimlich ruhig und sympathisch ist er zu dem.
Nach dem Blick in die Ergebnisliste muß ich noch einige Wahrnehmungen berichtigen. Ich war felsenfest der Überzeugung hinter Lausebuche drei Läufer in einem überholt zu haben. Erst Zwei und dann Lars. Da war aber gar kein Dritter, nur Marcus Amon und Lars. 😉 Insofern übernehme ich auch keine Haftung für Gegebenheiten der Kilometer zwischen Lausebuche und Oderbrück – wann ich wo wen überholt habe und wo Lars mich wieder einsammelte. Aber es muß so oder so ähnlich gewesen sein. Wenn man schon nicht mehr weiß wie viele man überholt, muß das Sichtfeld schon mächtig eingeschränkt gewesen sein.
Etwas aufgeräumt war ich dann wohl schon wieder, als die anderen Stück für Stück eintrudelten. Super Läufe haben die anderen da hingelegt. Mein Riggo hat an der Rampe nicht so geschächelt wie ich. Der ist die Hochgelaufen! Jan wollte Menatltraining absolvieren – mit Bravour geschafft. Andre ist mal eben 1:30h schneller als im letzten Jahr gewesen. Michael war 1:15h eher drin als 2013. Insgesamt müssen sich die JMer ja fast auf der Strecke andauernd auf die Füße getreten sein – so dicht beisammen, wie der Kaw, Andre und Jan oben angekommen sind. Die Mainrennerin stand plötzlich schon auf der Matte. Völlig unerwartet. Draußen war noch Hell! Juhu! Klada hat seinen Lauf gegen Fahrgestell und Kopf gewonnen. Sehr schön war auch mit den Nordlichtern oben noch zu klönen – auch wenn für Mathias kurz hinter Barbis Endstation war. ;-( Und riesig gefreut habe ich mich, dass die harzer Nordlichfraktion hoch gekommen ist! Auch wenn es viel zu kurz war. Es war schön euch doch da oben zu sehen und ne Runde zu schnacken.
Gelaufen bin ich zwar schon selbst, aber der klasse Support auf der Strecke, dem gehört definitiv ein ganz wesentlicher Teil an dem Erfolg. Es war klasse mit Euch! Danke Jaren, Erbse, Pferdchen, Detlef. Waren noch mehr an den VP’s? Sorry! Mehr habe ich nicht wirklich wahrgenommen.
Naja und die letzten Wochen hat da noch jemand eine ganze Menge mehr ertragen müssen – km um km, jedes Wochenende und irgendwie den Kopf nur noch verpeilt. Und das Ganze nur als Vorbereitung auf einen Lauf, der erst in reichlich vier Monaten ist. Dnake Silke!
😉

05.01.2019 – Nun fehlt noch die Geschichte der „spanischen Runde“. kurz nach Lars und mir kam der Spanier Javier ins Ziel. Er sah Lars und meinte Lars hätte abgekürzt; Lars hat ihn nicht auf der Strecke überholt. Wie geht das? Erst im Nachhinein, beim Auslesen der Tracks wurde das klar. Ich überholte Javier vor Königskrug. Der Nächste anzulaufende Punkt nach Königskrug ist Oderbrück. Kurz nach Königskrug kommt  ein etwas lustiger Wegweiser. Nach Rechts ist Oderbrück ausgeschildert. Läuft man bis zum Wegweiser, sieht man, dass geradeaus ebenfalls Oderbrück ausgeschildert ist. Geradeaus ist kürzer, ca. nen halben km. Lars ist geradeaus gelaufen, Javier nach Rechts und kurz vor Oderbrück lief Lars auf mich auf mich auf. Dieser Umweg wurde im Folgenden als die „spanische Runde“ geprägt. Lustigerweise habe ich genau diesen Umweg ein Jahr später selbst genommen. 😉

Und nun steht die BC2019 an. Ich wollte gern auch wieder vorn mitlaufen. Aktuell bin ich mir nicht sicher, ob das überhaupt was wird. Die Plantarsehne zickt gerade etwas. Aber was denn nun am 09.02.2019 wird, werden wir dann sehen. Heute war es schön mal wieder in den alten Blogs von Jogmap zu schmöckern.

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Freunde!

Was ist schlimmer als Freunde? Lauffreunde!

Irgendeiner hat immer wieder den richtigen Blick und schon sind da Flausen im Kopf. Ich habe die Flausen jetzt für 2020! 2019 wird die Erstaustragung der Strecke sein, aber da bin ich noch beim TAR. Ja, die großen und tollen Läufe konzentrieren sich nun mal auf Ende August/Anfang September.

Was steht an?

Beim Googeln habe ich es erst gar nicht in Englisch, sondern nur in Italienisch und Russisch gefunden. Letzteres gab mir zumindest schon mal ne Idee worum es geht. Ich bekam nämlich einfach nur an den Kopf geworfen, dass der

TOR des Glaciers

doch was für mich wäre. Doch was ist das? Hier stand es!

Einfach nur die wesentlichen Basisdaten reichten, um zu wissen worum es geht:

450km, 32000Hm+, Start 6.September 2019 in Courmayeur.

Am 6.September bin ich noch beim TAR unterwegs. Aber klar wußte ich sofort, dass unter tordesgeants.it mehr zu erfahren wäre. Die Alta via 3 und 4 soll gelaufen werden. Wußte ich gar nicht, dass es die gibt.

Der Virus sitzt. Ich werde mich damit auseinandersetzten.

Donnerstag Start heißt noch drei Tage mehr Urlaub.

120km mehr heißt noch einmal zwei Tage länger unterwegs.

Kann man da die Schlafpausen so beibehalten? Braucht man mehr Schlaf pro Tag?

Wie sind die Livebases gesetzt? Gibt es da überhaupt auch das Konzept des TOR mit den großen Livebases oder geht das wie beim PTL dann in Richtung Selbstversorger?

Wie verläuft die Strecke? Geht es über Gletscher? Auf welcher Höhe? Was für Ausrüstung wird dafür benötigt?

Will ich das noch? Ja, den TOR wollte ich gern noch mal laufen – gern auch mit dem UTMB vorweg. Aber 450km am Stück heißt doch da noch mal einen draufsetzen. Nach dem ersten TOR meinte ich, dass nun mein Limit erreicht ist. Gemeint ist nicht mein Limit in dem was ich erreichen kann. Das war nicht erreicht. Das Doppel vergangenes Jahr zeigte das und ich bin mir recht sicher auch sechseinhalb Tage am Stück im Aostatal laufen zu können. Aber irgendwann muß man sich fragen, wann man das „Höher, Schneller, Weiter“ für sich persönlich begrenzen möchte. Es geht immer mehr! Genügend Leute haben uns das schon vor gemacht. Aber man muß sich schon fragen wo man für sich dieses Limit setzt.

Ich denke, nach dem ersten Abschätzen werde ich nun über Letzteres als erstes nachdenken. Zeit ist genug. Frühestmöglicher Termin ist der September 2020.

Irre wie weit man da schon planen muß.

Irre wie spät man dann erst weiß ob das ein freundschaftlicher Hinweis war!

😉

November!

Ich sitze im Zug. Es ist nicht mehr weit bis München. Beim rausschauen weiß ich schon, dass es kalt draußen ist. Schon in Hannover war es so bähh, so ungemütlich. Ich bin warm angezogen. Aber die Feuchtigkeit zieht, sobald man nach draußen geht, trotzdem sofort unter die Jacke. Nein es regnet nicht, aber alleine die Kälte und die Feuchtigkeit und dieser eklig kalte Wind lassen richtige Vorfreude auf den nachher noch anstehenden Lauf zu.

Ich mag nicht!

So ein Quatsch! Draußen sind 2grdC. Das ist nicht kalt!

Der Kopf weiß es eigentlich. Und doch kommt dann noch die Kurve zur BC. Was hat man da an, wenn man im Februar auf den Brocken läuft. Also, nicht rumheuln, sondern umziehen und los! Im Hotel angekommen wird das dann auch genau so umgesetzt. Laufsachen an und los.

Es ist leicht fröstelnd, als ich vor der Tür stehe und warte, dass die Uhr so weit ist. Das geht schnell. Auf den ersten km ist es immer noch leicht kühl. Aber diese feuchte Kälte von vorhin spüre ich gar nicht. Es wird angenehm. Spaß macht es sowieso. Locker in Richtung Isar joggend genieße ich den sehr späten Nachmittag. Läufer sehe ich noch keine. Es ist vermutlich nicht die richtige Strecke und später an der Isar noch zu zeitig.

Kurz vor dem Loslaufen las ich noch einen Blog von Floh Neuschwander. Nach langer Pause hat er einfach mal Bock auf nen schnellen 10er gehabt und ist einfach mal zugelaufen. War es diese Inspiration? Als ich an der Isar den Hauptweg verlasse und auf den Trail einbiege, gehen plötzlich die Pferde mit mir durch. Aus dem lockeren Joggen wird ein Laufen. Es wird schneller. Obwohl ich nun mit Licht laufen muß, wird es immer schneller und macht doch einen heiden Spaß! Ich genieße es einfach. Lange vergessen ist die eklige Kälte.

Laufen ist schön!

Man muß nur erst mal in den Laufsachen vor die Tür.

😉

J’ai Servécu! – Ich habe Überlebt!

Am Ende kann ich mir doch das T-Shirt überstreifen und die wirklich schwere Medalie in der Hand halten. Diesmal war das echt ein ganz schön schweres Stück Arbeit! Es war ja meine Zweite Diagonale. Ich hätte also bestens wissen müssen, was da auf mich zukommt. Aber nein, gerade die Schwere der Strecke hatte ich so nicht mehr auf dem Schirm.

Aber fangen wir vielleicht vorn beim Lauf an. Getroffen haben wir uns mit einer kleinen Allgäuer Gang, Florian, Max und Tobi. Floh hatte ähnliches vor wie ich. Wir wollten also sehen, dass wir zusammen loskommen – vor allem nicht zu schnell loslaufen.
Für Tobi und Max war es der erste 100Meiler – kann man schon mal machen.
Andreas hatte nach seinen Verletzungen nur das Ziel anzukommen.

Natürlich hatte ich einen ungefähren Zeitplan. Unser Vermieter hier auf La Reunion ist die Strecke letztes Jahr um 32:40h gelaufen. Aus seinen Erzählungen und Zwischenzeiten hatte ich mir schon mal ne Idee gerade für den Beginn zusammengebastelt. So stand im Kopf abgespeichert eine 1:30h bis zum ersten VP (Domaine Vidot) um km10 und 3:20-3:30h für den 2. VP (Notre Dame de la Paix) um km25. Letzterer liegt bereits nach dem ersten ordentlichen Anstieg. Weitere Zwischenzeiten hatte ich nur bedingt im Kopf. Ab km25 sollte ein Gefühl für den Lauf da sein. Da muß man dann eh seinen Lauf laufen.

So saßen wir vier am Donnerstagabend fast zwei Stunden vor dem Start in der Startaufstellung.

Der extreme Vorteil war, dass wir so nach dem Start nicht erst vorlaufen mußten, sondern bereits von Anfang an recht gut positioniert waren. Vielleicht war da auch schon der erste „Fehler“. Wer weiß das schon so ganz genau?
Der Startschuß fiel, es ging los und erstaunlicherweise keulten die Franzosen diesmal gar nicht so sehr los, wie ich das aus 2012 im Kopf hatte. Florian hielt sich mehr oder weniger neben oder hinter mir; heißt ich gestaltete schon mein Dembo vom ersten Meter an selbst. Aus dem Ort raus war natürlich die Hölle los. Auch außerhalb standen Leute ohne Ende an der Strecke und machten Alarm. Wer schon mal beim UTMB den Start erlebt hat, weiß was bei den Franzosen bei so nem Lauf abgeht. Wir liefen locker und leicht die ersten 15km. Die Strecke war recht einfach. In St.Pierre ging es natürlich Straße und auch später waren wir immer auf breitem, gut laufbaren Terrain unterwegs. In einem Ort lief man durch ein dicht gedrängtes Spalier. Ein Stück fühlte man sich wie bei der Tour de France im Anstieg hoch nach Alpe d’Huez. Da stehen Fous an der Strecke und feuern Fous auf der Strecke an.

Mit 1:29h trafen wir die erste Zwischenzeit recht perfekt. 650Hm waren da allerdings auch schon im Sack. Da wir diese 15km komplett gelaufen sind, waren wir beim Einstieg in den Trail dann auch so positioniert, dass nicht nur kein Stau im Eingang in den Trail war. Es gab auch ein angenehmes Dembo für die folgenden ca. 900Hm. Aber trotz des nicht wirklich fordernden Dembos waren wir doch deutlich „zu“ zeitig bei km25. Wir waren schon um 3:09h dort. Ich wollte 10-20min später da sein. Ich nahm mir in dem Moment vor in jedem Fall noch etwas mehr auf die Bremse zutreten. Florian und ich verloren uns auch da aus dem Augen. Ab jetzt  lief ich allein. Gab es vorher schon keine Ausrede des falschen Dembos wegen, weil Floh nie vorlief, war ich nun auch im Kopf komplett für mich.

Ich konzentrierte mich auf den Weg, mein Dembo, war einfach im kleinen Sichtfeld der Stirnlampe on Tour und spulte die Strecke ab. Es ging hoch Richtung Vulkan. Allerdings war die Strecke bis etwa VP4 (Belvédère nez de Beuf), um km40 diesmal deutlich einfacher zu Laufen als 2012 von Cap Mechand aus. Damals ging es auch nach ca. km20 schon in den Trail hoch zum Piton de la Fournaise, doch damals gab es nur eine Richtung: hoch. Und damals regnete es bereits konstant. Diesmal kamen wir erst hinter dem Vulkan auf die Strecke aus 2012 und der Weg bis dorthin war deutlich leichter zu laufen. Leichter. Hmm. Was heißt leichter? Nun, in keinem Fall heißt das leicht. Aber es waren deutlich höhere Laufanteile. Ab km25 ging es auch immer mal wieder ein Stück runter. Wir waren deutlich schneller unterwegs – weil es auch die Strecke zuließ – und das trockene Wetter hat bei den Wegen einen nicht zu unterschätzenden Effekt hinsichtlich Krafteinsatz und Dembo. Das wirkt sich doch gravierend aus.

Was mir allerdings nach und nach auch erst wieder ins Gedächtnis kam, war die doch etwas anspruchsvolle Strecke. Ja, die war auch 2012 schon so. Aber irgendwie hatte ich das ausgeblendet, im Kopf nicht mehr so präsent. Stetig ging es ganz ordentlich Stufen hoch und auch immer mal schon runter. Während des Laufens erinnerte ich mich an die Berichte die ich vor der Diagonale 2012 gelesen hatte. Da stand etwas von ständig irre anstrengenden, fast kniehohen Tritten. Steine lagen auf dem Trail wie wenn irgend ein Riese den Salzstreuer etwas länger ausgekippt hätte. Ja, es erschien mir schon anstrengend und langsam wurde mir auch wieder klar, was mich noch auf den nächsten Stunden erwarten würde. Nein, mir wurde nicht Angst und Bange dabei. Die Erwartungshaltung verschob sich allerdings etwas mehr in die richtige Richtung. (Man erträgt das Folgende dann auch etwas besser. 😜)

Kurz nach km25 muß es dann passiert sein. Ich knickte im Trail mit dem linken Fuß wieder einmal leicht nach außen. Dies passiert natürlich immer mal leicht. Intuitiv geht man mit und gleicht dann aus. Passiert mehr oder weniger eigentlich öfter mal, ist nicht schlimm. Diesmal paßte aber etwas nicht. Ein Schmerz zog in den Fuß und er verging auch nicht so wie man es bei einem etwas stärkeren Wegknicken schon mal kennt. Laufen ging. Aber da war etwas doch mächtig instabil. Wenn ich links etwas blöd Auftrat, war das deutlich zu spüren. Wir waren nachts unterwegs auf reunionischen Trails. Die Insel ist vulkanischen Ursprungs und aus den Wegen die zu laufen sind, wurde nicht wirklich eine asphaltierte bestzeitentaugliche Berlin-Marathon-Strecke gemacht. Und da ist es genau der richtige Plan jetzt nur noch gleichmäßig aufzutreten. Ja, erstaunlicherweise geht das über weite Strecken doch ganz gut. Aber es geht natürlich nicht immer.

Nun kam mir entgegen, dass ich bei unseren Läufen in Sulden Christian doch etwas zugehört hatte. Er erzählte von einem umgeknickten Fuß und folgender Stabilisierung mit Tape – was auch ganz gut funktionierte. Der Plan war also in Cilaos zum Med-Punkt zu gehen und den Fuß Tapen zu lassen. Bis dahin dürfte aber nichts mehr passieren, nicht dass da noch etwas noch mehr überdehnt wird und anschwillt. Bis Cilaos waren es ja keine 40km mehr… Nicht so weit. Etwas besser verdeutlicht sich das allerdings, wenn man sich überlegt, dass ich noch knapp 7h bis dahin unterwegs sein würde. Vorsicht war ab jetzt die Mutter der Porzelankiste.

Nach km40 kamen wir ins Hochland. Das war noch sehr präsent von 2012. Es ging stetig auf und ab. Die Wege an Weiden entlang erkannte ich wieder. Hier sind wir 2012 in strömendem Regen lang – damals ein wirklich schweres Terrain, das Kraft ohne Ende kostete. Diesmal lief es einfach. Kraft war da. Ich war im hier und jetzt und genoß trotz Dunkelheit einfach nur den Augenblick, den längeren Augenblick, die Strecke, den Lauf. Ab jetzt war ich der Meinung den Lauf, den Weg „zu kennen“, einschätzen zu können. Bin ich schließlich schon mal gelaufen. Diese Illusion hielt durchaus über einige km an. Ok, da waren Weiden und ne Straße und der letzte VP vor Cilaos, Mare à Boue (km49). Jetzt noch einmal hoch an den Rand des Circle de Cilaos und dann „nur noch“ runter bis Cilaos. Genau! Denkste Puppe! Oh ja, ich erkannte den Weg vom VP weg, wußte dass er gut laufbar war, lief ihn auch während mancher ging. Ich erkannte eine kleine Holzbrücke, die von Callas umrahmt war. Ich erkannte die Pfade, die mit lauter Hölzern unterlegt waren. Und doch zog sich das deutlich mehr, als ich erwartete, mußte ich mehr und mehr ins Gehen übergehen, weil ich doch in dem teils technischen Pfad immer wieder blöd mit dem linken Fuß auftrat. Die Beine waren noch OK. Aber es wurde langsam hartleibig. Der Kopf sagte es müsse doch langsam mal runter gehen. Der Blick auf die Uhr und den Track erzählte das Gegenteil. ‚Schalk, durchhalten! Du hast hier grad nen Luxusproblem!‘ Noch läuft es, die Bedingungen sind einfach perfekt (gegenüber 2012) und das mit dem Huf hält schon seit einigen Stunden. Dann wird das auch noch bis Cilaos gehen und sofern nix angeschwollen ist, wird das auch über den Rest gehen. Ich vergegenwärtigte mir immer wieder wie fix ich doch im Grunde genommen noch unterwegs war. Für den TOR und auch für die Diagonale wäre ein Schnitt von 2h pro 10km schon fix. Das macht bei km49 also rund 10h. Ich bin da nach 6:36h durch. Also schön die Kirche im Dorf lassen und da wo man gehen muß auch entspannt und ruhig gehen.

Langsam wurde es hell. Der Wurzelpfad wollte und wollte nicht enden.

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Archivbild aus der Streckenbesichtigung 2012

Es ging immer weiter stetig bergan. Durch die Konzentration auf den Weg nahm ich selbst den Sonnenaufgang nicht wirklich wahr. Irgendwann merkte ich, dass ich die Lampe eigentlich auch ausmachen kann. Eine ziemlich komische Erkenntnis in dem Moment. Und einiges nach Sonnenaufgang, um kurz vor 7Uhr erreichte ich dann auch den Punkt da es abwärts geht in den Circle de Cilaos. Unten sah man nach kurzem bereits den Ort. Ich meinte auch schon Musik vom VP Cilaos zu hören. Der Blick auf die Uhr verriet mir aber, dass es noch dauern dürfte, bis ich da unten bin. Vor 8Uhr wird das sicher nicht sein. 10h Laufzeit wären dann weg. Ich wußte, dass das auch so passen würde. Der Abstieg war sehr, sehr technisch, ich bin da definitiv eher nicht so die Gemse und mit dem Fuß dann noch mal langsamer. Und doch mutete es beim Blick nach unten komisch an. War es doch gar nicht mehr weit nach Cilaos.

 

Die Strecke abwärts hatte ich im Detail nicht mehr im Kopf. Stück für Stück hiefte ich mich die Stufen abwärts und gefühlt überholten mich alle, die ich die letzten zwei Stunden hochwärts überholt hatte. Ich zählte nicht. Es war deprimierend genug mit welcher Leichtigkeit die nach unten hüpften. Nein, das wollte ich hier meinen Knien (noch) nicht zumuten. Die müssen noch ein wenig durchhalten. Als zweites kam hinzu, dass ich sowie ich etwas mutiger wurde und zügiger ablief prompt auch wieder etwas schräg links aufsetzte und sofort etwas schmerzhaft erinnert wurde, was eben gerade mal nicht ging. ‚Ruhe bewahren, Schalk! Es sind noch über 20h Zeit!‘ Trotz allem fällt das schwer. Selten, aber doch ab und an blieb ich kurz stehen (so schnell war ich eh nicht unterwegs. Da macht das auch nicht so viel aus. 😂), und warf einen Blick in diesen alten Vulkankessel. Nichts erinnert mehr an einen Vulkan. Alles ist von einem gefühlt undurchdringlichen Grün überzogen. Diese steilen und doch grünen Hänge rund um mich waren beeindruckend! Es war kaum vorstellbar diese steilen Hänge gehend, laufend oder wandernd hinauf oder hinunter zu kommen – und doch ging das.
Diesmal würde ich den Circle de Cilaos und den Circle de Mafate im Hellen sehen. Viel Zeit also diese Gegend in sich aufsaugen zu können.

Ich kam den Häusern unten in diesem grünen Talkessel doch näher. Es kam ein Zelt, doch noch mal ein VP und die Frage nach den noch zu laufenden km bis Cilaos. Noch 4km. Das ist nicht mehr weit! Jup, und wieder war da der Fehler. Wenn da noch mal nen VP ist, dauert es länger als nur mal 20min abwärts joggen. Ja, erst mal ging es runter. Das war aber natürlich nur, um vor dem VP auch noch mal hoch zu gehen. Manchmal ist es auch besser nicht über die Wegführung nachzudenken. Gefühlt liefen wir fast im Kreis. Später auf der Karte sehe ich, dass es eher nicht so ist. Es war schon ganz gut die Erwartungshaltung zu einer Ankunft zu senken. Einfach Laufen und wenn man da ist, ist man da. Und so kam dann halt doch auch der VP Cilaos.

Es war kurz nach 8Uhr. Ich war noch völlig im Zeitplan und es ging bis auf den Fuß recht gut. Die letzten einfachen Meter zum VP ging es sogar so gut, dass ich kurz überlegte, ob ich nicht auch ohne Tapen weiterlaufen könne. Nein, keine gute Idee. Also erst mal den Dropbag-Beutel holen, Schuhe, Socken aus und die Füße in der Dusche waschen. Dann gings ab zum Medpunkt. Ich hatte mich schon darauf eingestellt mit Gestiken klar zu machen, was ich brauchte. Mein englisches Vokabular erstreckt sich jetzt eher nicht so bis in die Medizin. Aber so viel Aufwand war gar nicht nötig. Ein Mädel sprach dort sehr gutes Deutsch und so war schnell klar was ich gern haben wollte. Der Fuß war auch nicht weiter dick. Also lediglich mit Tape seitlich stabilisieren, Socken wieder an und weiter.

Jetzt noch fix was Futtern und dann auf in die zweite Runde. Beim Futtern höre ich hinter mir ein „Berliner Halbmarathon. Aha.“ Es dauert zwei Augenblicke bis ich realisiere, dass ich gemeint bin, da ich ja so ein Shirt an habe. Und da mein Rucksack gerade neben mir liegt, kann man den Aufdruck auf dem Rücken auch lesen. „Ja, ich kann schon Halbmarathon.“ antworte ich belustigt. Wolfgang ist gebürtiger Deutscher, aber doch eigentlich Österreicher, da er dort schon lange lebt. Stimmt, als Österreicher hatte ich ihn zuerst auch eingestuft. Der Dialekt war definitiv da. Wir schnacken kurz. Er meint noch jetzt käme der Backofen hoch zum Col Taibit. Ich kenne den Mafate ja nur in der Nacht. Da ist die Sonne eher nicht warm. „Trinke vorher ausreichend und nimm genug Trinken mit.“ meint er noch und verabschiedet sich. So einen Rat sollte man nicht verachten. Es sind zwar nur 7km bis zum nächsten VP, aber es geht erst etwas runter und dann mehr oder weniger stetig hoch Richtung Col de Taibit. Gestärkt, nach 50min Pause recht ausgeruht und mit 0,5l zusätzlich Wasser (in Summe 1,5l) ziehe ich los. Der Weg ist erst mal recht einfach und nach der Pause komme ich schnell wieder ins laufen. Das Tape fühlt sich noch etwas ungewohnt an, aber ich habe nun auch seitlich wieder Stabilität. Das klingt gut. Nach der langen Pause mag ich jetzt auch vorwärts kommen und gebe Gas. Es geht hoch. Das liegt mir eh. Ich bin ausgeruht und so entsetzlich warm finde ich es gar nicht. Es geht auch immer wieder im Schatten bergauf und an den Bachläufen die man quert hänge ich kurz das Basecap ins kalte Wasser. Stück für Stück arbeite ich mich so vor. Am nächsten VP, dem Debut de Taibit bin ich fast auf Wolfgang aufgelaufen. Er läuft gerade los, als ich ankomme.
Viele Wanderer sind hier unterwegs. Wenn Läufer kommen, machen sie immer Platz und feuern einen an. „Bon courage! Bon courage!“ Das motiviert zusätzlich. Letztes Mal bin ich nachts und damit mehr oder weniger allein durch die alten Vulkankessel. Wolfgang überhole ich noch vor dem Col de Taibit. Er hat hier in der Wärme heute sichtlich zu tun. Ich ziehe fix weiter. Heute ist hier richtig was los an Wanderern. Oben am Col de Taibit angekommen stehen Leute und feuern jeden Läufer an. Herrlich!
Abwärts dreht sich wieder das Blatt. Einige derer, an denen ich vorbei bin, tippeln nun ihrerseits an mir vorbei nach unten. 400hm abwärts sind es bis Marla und unten angekommen sind meine Beine, vor allem die Oberschneckel erstmals richtig im Eimer! Dem Fuß geht es gut. Dafür ballere ich also nun die Beine ins Nirvana. Tolle Aktion! Das war ab Cilaos definitiv zu schnell hoch! Eine schwachsinnige Aktion! Ich beschließe ab jetzt hochwärts etwas weniger zuzulaufen, um dafür abwärts etwas lockerer runterzukommen. Aber erst mal bekommen die Beine am VP etwas Ruhe. Nötig ist die Pause hinsichtlich Essen oder Trinken gar nicht. Doch 15 min Zwangspause müssen jetzt erst mal sein, um nicht noch mehr kaputt zu machen. Danach habe ich die Pause mit frischen Beinen ruck zuck wieder zugelaufen.

In Marla wieder los, geht es erstmal relativ flach und technisch mal nicht so anspruchsvoll. Hier wird viel gelaufen. Plaine de Merle ist der nächste VP. Kurz davor oder vor Sentiers Scout höre ich plötzlich eine bekannte Stimme hinter mir. Tobi ist aufgelaufen und nach nem kurzen Schnack zieht er auch weiter. Hier sind viele gut laufbare Abschnitte. Das hatte ich wirklich so nicht mehr im Kopf. In einer längeren Bergabpassage auf breitem Fahrweg – ein sehr ungewöhnliches Gelände für die Diagonale! – laufe ich wieder auf Tobi auf – oder war es am VP Ilet a Bourse? Ich weiß es nicht mehr genau. Am VP Grand Place sind wir auf jeden Fall gemeinsam. Tobi nimmt sich dort noch etwas Zeit und ich mag jetzt so weit wie möglich noch bei Tageslicht kommen. Wenn es gut so weiter liefe, könnte ich vielleicht alle Downhills im Mafate noch im Hellen absolvieren. Ich komme dann doch etwas besser den Berg runter. Von Roche Plate hoch zum Maido geht es ganz sicher im Dunkeln. Aber das ist OK. Hoch geht man ja langsamer.

Am VP Grand Place schauen wir beide noch einmal auf km und Höhenmeter: 8,5km mit 580m hoch und 1000Hm runter. Ok. Die Schnekel sind eh wieder im Eimer. Also schaun wir mal wie es ihnen dann so geht. Ich sprach noch kurz mit einem vom VP und er meinte ‚Erst einmal etwas hoch, dann tief nach unten ins Tal, über den Fluß und dann hoch nach Roche Plate. An den Downhill und die Flußquerung meinte ich mich zu erinnern.

Im Kopf steckten die 580m hoch. Ich wußte, dass der Maido um 2000üNN liegt. Ab dem Fluß geht es somit einfach nur den Rest am Stück hoch. So war ich erst mal um jeden Meter froh, den ich jetzt vor dem Downhill aufwärts machen kann. Der ist nachher weniger. So die Gedanken.

Oben angekommen bietet sich mir erst einmal eine atemberaubender Anblick! Tief unten im Tal sehe ich einen bunten Fleck. Da muß die Flußquerung sein. Gefühlt ist dieser Fleck allerdings nur 50m horizontal von mir weg. Die Wand, die es abwärts geht scheint abartig steil. Gespannt bin ich darauf wie es nach unten gehen wird. So ganz kann ich mir die 1000Hm aber nicht vorstellen. Ja, das ist tief, aber vielleicht 600m. Mehr nicht. Später werde ich knappe 400Hm aus der Uhr auslesen. Richtig sicher bin ich nicht, ob das richtig ist. Egal. Viele Gedanken machen hilft jetzt auch nicht. Abwärts geht es. Steil abwärts geht es. Aber wirklich knifflig ist es jetzt nicht. Sah schlimmer aus, als es ist.
Nach der Bachquerung geht es nach oben. Jup, aber eigentlich nur, um um die Ecke und wieder runter zu gehen und so geht das Spielchen noch ein paar mal. Diese ganzen kleinen Zacken gehen in der Länge des Höhenprofils irgendwie völlig unter. Für den Kopf kann ich das weniger bestätigen. Der bekommt das schon mit. Ich bin froh, da etwas unempfindlicher zu sein. Höre ich manche Leute am Steich ein „schon wieder hoch“ sagen, frage ich mich was die hier meinen würden. 😉
Kurz vor Roche Plate mache ich die Lampe an. Das „Runter“ im Mafate ist weg. In der Nachbearbeitung sehe ich jetzt in meinem Ergebnisschrieb: „D+ seit Grand Place: 946m“. Die negativen Meter stehen da leider nicht. Ob wir uns verlesen haben? Ich denke mal wir haben beide Hoch und Runter verwechselt. „+“ und „-“ auseinanderzuhalten ist schon nach 18h Laufen so ne Sache. 😉 Im Grunde genommen ist der Weg das Ziel. Normal schaue ich auch nicht auf die Zettel am VP außer ich will wissen wie viel Wasser ich mitnehmen muß. Nachts ist es wiederum nicht so warm. Da braucht man nicht so viel. Kurz etwas gefuttert, kurze Pause und weiter.
Roche Plate. Ab jetzt geht es hoch! 7km heißt es. 800Hm habe ich im Kopf. Ok, das wird sich ziehen. Ich hing mich an eine kleine Dreiergruppe hinten an und setzte meinen Vorsatz hochwärts nicht mehr am Anschlag zu laufen konsequent um – jedenfalls so weit dies ging. Der Läufer vor mir ließ irgendwann nach vorn abreißen und meinte dann nach einer Weile Führungsarbeit, dass ich vorbei solle. Naja, da kann man ja schlecht sagen, man will nicht. Da war es allerdings auch wirklich nicht mehr weit zum Maido. Von Roche Plate konnte man den VP bereits durch den Lichtfleck oben sehen und vor allem hörte man ihn. Hätte man Lust gehabt, hätte man auch das Eintreffen jedes Läufers zeitlich festhalten können. Dann hörte man die Leute oben noch lauter… 😉 Zwischendrin war man dann auf dem Weg nach oben immer mal außer Hör- und Sichtweite, weil der Berg im Weg war. Aber weitgehend war das eine gute Orientierung. Um kurz vor 21Uhr war im auf dem höchsten Punkt (der VP ist vielleicht 2km weiter in Richtung Sans souci!) und es war kühl und windig und doch war da oben richtig was los. Ich schaute kurz, ob ich meine Leute sehen würde. In Cilaos waren sie ja leider nicht da. Aber in der Dunkelheit konnten nur die mich sehen. Ich hatte keine Chance bei den vielen Leuten. Niemand rief mich. Also weiter.
Auch hier ließ ich den Beinen am VP vielleicht 10min Ruhe und lief dann weiter. Im Ziel wird mir erzählt, dass ich Tobi dabei knapp verpaßt habe. Ich muß aus dem VP-Zelt auf der einen Seite raus sein, als er auf der anderen rein kam. Unsere Durchgangszeit dort soll sich jedenfalls um 8min unterschieden haben. Falsch! Es waren 17min. Das war also nicht ganz so eng.
Jetzt geht es in das gut laufbare Stück runter nach Sance Souci. 13km und 1600Hm abwärts. Peng! Etwas graut mir in dem Moment ja vor dem negativen Höhenmetern. Auf der anderen Seite sollte das verteilt über 13km weitgehend moderat runter gehen. Los geht es erst mal flach am Rand des Kraters vom Circle de Mafate entlang. Ich weiß es, nur sehen kann man das in der Dunkelheit eher nicht. Ja, und dann holt mich doch etwas die nicht allzu gute Erinnerung ein. Auch Floh und Tobi und Max hatte ich erzählt, dass der Weg ab Maido nach Sans Souci gut laufbar ist. Allein die erste Hälfte der 13km war alles andere als abwärts und gut laufbar. Es war mehr ein stetiges leichtes Auf und Ab und teilweise eben einfach nicht gut laufbar. Was müssen die mich gerade verfluchen! Nicht zu ändern. Ich kann es nun nicht mehr anders mitteilen. Laufen müssen wir es eh. Und noch etwas war anders. Die Kontrolle bei Ilet Alcide, die dort 2012 war, war diesmal nicht.

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Foto aus Streckenbesichtigung 2012

Auf den Punkt wartete ich nämlich die ganze Zeit zur Orientierung wann aus dem stetigen Auf und Ab ein lang runter entwickeln würde. Da kein Streckenposten da war, ging auch das in der Dunkelheit unter. Irgendwann war ich dann auf der langen „Geraden“ nach Sans Souci runter und es wurde wirklich endlich laufbar.

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Bild aus Streckenbesichtigung 2012

Stufen sollte man da allerdings klar mit einbeziehen. Es waren mehr als zwei Stufen auf dem langen Weg nach unten. Ich war froh endlich wieder etwas Strecke zu machen. beschwerte mich also nicht mal innerlich über den Weg. Klaglos ertragen ist da wohl eher die richtige Beschreibung der Gedanken auf dem Weg nach da unten.

In Sans Souci war die nächste Dropbag-Station. Der Plan war klar: kurz Schuhe und Socken wechseln, fix was Essen, Wasser auffüllen, Gels und Futter aus dem Dropback-Beutel einsacken und weiter. Und wie ich an den VP in Sans Souci ranlaufe, stehen da doch plötzlich Silke, Nancy und Andreas! Dass Andreas da stand, fand ich in dem Moment extrem doof! OK, es war besser, dass er bei der erneut aufgebrochenen Verletzung dann doch die Reißleine zog und in Cilaos aufhörte. Aber mental steckt man voll im Wettkampf und plötzlich steht dein Freund da und du weißt er kann nur fertig haben, weil er aufhörte? Das ist total doof!GQSH7586[1]

Vielleicht ist man zu dem Zeitpunkt eines solchen Laufes auch schon etwas… Naja. Der Gesichtsausdruck korrelliert jedenfalls nicht mehr mit dem, was ich da dachte.
Ick weeß ja ooch nich!

Nach kurzem Stop dort ging es jedenfalls wieder weiter. Der Weg wurde überschaubarer. Ich meinte zu wissen, was noch so kommt.
Ach hier noch mal die Erklärung: Stellenweise erinnerte ich mich doch erst Ansatzweise wieder an den Dreck, als ich grad mitten drin war. Der Abstieg zum Fluß war letztes Mal anders. Die Flußquerung war völlig aus dem Kopf und dieser doch etwas abenteuerlich anmutende Abstieg runter zur Chemin Ratinaud, den hatte ich nur noch in Ansätzen in meinen Gedanken. An dem VP machte ich wirklich nur sehr kurz halt und zog weiter. Gut, wozu nachts um 2Uhr dort auch länger verweilen? Das nun folgende Stück direkt nach der Straße, wenn man rechts weg im Busch verschwindet, das kannte ich allerdings in dem Moment als ich da ankam wieder ausgesprochen gut. Da verflucht man einfach nur diese Leute, die den „Weg“ ausgesucht haben. Man sieht quasi vor Augen deren hämisches Grinsen und es ist besser, die Leute in dem Moment nicht vor sich zu haben… Dieser km mitten im Dschungel im stetigen Auf und Ab, teils mit Seilen zum Festhalten gesichert, weil man da einfach kaum halt hat. Aber irgendwie ist man wohl auch zu erschöpft, um sich richtig über den Dreck aufzuregen. Man erträgt es und sagt sich es geht irgendwann vorbei! „Ganz sicher geht es vorbei!“ Nach ca. 1km trifft man auf eine Straße die diesen Namen vielleicht zu einer Zeit verdiente, als Räder für Karren noch nicht so üblich waren und alles zu Fuß getragen wurde. Da lief man sicher auch noch nicht! 😉 Aber irgendwo muß der Spruch auf dem Shirt ja herkommen. Dort ist so eine Stelle, wo man ihn sich verdient!
Es wird vorbei gehen! Es ging vorbei!
La Possession kam näher. Am VP an der Schule futterte ich noch mal was und dann ging es auf die letzten km! Yes, jetzt war die Strecke wirklich überschaubar! Bald (in vielleicht 5h?) geschafft!
Jetzt kam noch mal so ein mentales Herzstück des Laufes, die Chemin des Anglise! Ein Meisterwerk alter Straßenbaukunst, das ab km148 einfach nur noch zu bewundern ist.

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Aus Streckenbesichtigung 2012

Und ich möchte nicht vergessen zu erwähnen, dass das weitgehend laufbar ist!
Diese Steine sind einfach dort mal der Hammer. Aber ich bin sie über weite Strecken wirklich gelaufen! In dem Moment war mir zwar bereits klar, dass die sub33h längst weg waren. Ich war mir aber wirklich nicht sicher wie lange ich nun noch bis La Redute benötigen würde. 34h schienen eigentlich auch bereits weg. Dafür hätte ich die restlichen km in 4h ab Ecole La Possession absolvieren müssen und das waren noch 1100Hm inkl. Aber in 5h schien das machbar – wenn denn da noch mal ein Funken Motivation auftauchen würde! Nein, der war da! Ich gab Gas!
Auf der Chemin Anglise sammelte ich einen Läufer ein. Er hatte in La Possession nach seiner Platzierung gefragt und mir auch meine mitgeteilt. Ihn interessierte dies offenbar sehr. Ich konnte nichts mit der Info anfangen. Ich lag auf Platz 4711 oder 0815, nein es war 87. Aber ob nun 87 oder 64 oder 98 ist doch eigentlich ziemlich egal – oder? Ihn sah ich jedenfalls nicht mehr wieder.
Später auf dem Weg nach Grand Chaloupe lief ich auf den nächsten Läufer auf, Guillaume, überholte ihn, grüßte kurz und war dann auch schon etliches weg. Dann fiel mir ein, ich hätte ihm ja sagen können warum ich so ein Gas gäbe. Egal, ist jetzt so. Mehrfach ging es auf der Chemin des Anglais leicht runter und wieder hoch. Das hatte ich so nicht auf dem Schirm. Egal. Alles was jetzt kommt, kommt halt. Einfach nicht nachdenken und immer weiter. Der Kopf war nun komplett im Abschluß des Laufs. Einfach nur vorwärts. Vorn muß das Tal in dem unten Grand Chaloupe ist langsam kommen – Grand Chaloupe ist der vorletzte Meilenstein vor La Redute!
Da noch runter, dann einmal ordentlich hoch und noch mal runter und da. Ich bin gut unterwegs! Es läuft! … denke ich noch als Tröpfchen auf der Brille landen.
‚Nebel, das ist nur Nebel!‘
‚Aber für Nebel sind die Tropfen zu groß!‘
Es hört gleich wieder auf.
Was sag ich.
Es fängt gar nicht erst an!
Es hat die ganzen bisherigen 155km oder 31:20h nicht geregnet. Warum sollte es jetzt damit anfangen?
Es gibt keinen vernünftigen Grund dafür!
Regen is kagge auf diesen Steinen! Ich brauch das jetzt grad nicht!‘
So wie die Gedanken in meinem Kopf hin und her gingen, Hoffnung keimte, so wurde ich nass und nässer. Es war kein Guß, aber konstanter feiner Regen und während ich noch in der Ebene ganz gut vorwärts kam, war doch klar, dass das schon runter Zeit kosten wird. Auch das Runter nach La Redute wird dann spannend!
‚Schalk, mach nen entspannten Haken an die sub35h und sieh zu, dass du einfach mal ankommst. Das reicht schon. Es reicht langsam. Also!‘
Runter nach Grand Chaloupe kam die gedachte Schlitterpartie. Aber ich kam an. Auf der Straße hatte mich Guillaume wieder ein. Zusammen liefen wir zum VP. Ich war eher wieder weg. Er schnell ran und vorbei. Ich glaube, er wollte noch die sub35. Ich wollte es schnell, aber nicht zu schnell zu Ende bringen. Ich sah ihn Meter um Meter Vorsprung gewinnen und wollte und konnte nicht ran.
Der nächste tauchte vor uns auf und wir waren vorbei. Oben im Ort konnte man wieder etwas laufen. Ja, ich lief dann doch. Es ging wieder hoch. Wieder wandern. Wieder runter. Laufen. Dann kam die Bushaltestelle. Jetzt geht es noch mal in den Trail. Bis Colorado müssen es noch ca. 2,5km sein. 33h20min. Noch 1:40h. Ab Colorado sind es 4km nach unten – lustige 4km. Da ist nicht viel laufbar. Es ist naß, rutschig. Da pro km 15min zu schaffen, wäre schon großartig. So naß wie es ist, wären 20min/km nicht schlecht. Das wären 1:20h runter. Hmm, bleiben 20min für 2,5km hoch. Jup, klingt realistisch. Blödsinn! Das klingt überhaupt nicht so!
Aber jetzt wird erst mal nicht mehr gerechnet, jetzt geht es hoch. Der Weg wird schmaler. Links und Rechts sind Büsche. Der Weg ist ausgewaschen, wird immer tiefer und sehr lehmig. An kurzen, steileren Stücken suche ich mir Büsche zum Festhalten und hochziehen. Es wird nasser. Das Rinnsal auf dem Weg entwickelt sich zu einem kleinen Bach. Anfangs versuche ich mir noch einen Weg links oder Rechts davon zu suchen. Aber das kann man vergessen. Ist eh Quatsch. Der Weg wird eher nicht anders. Es sind noch etwa 1,5km bis hoch. Da braucht es keine Sealskinz mehr. Da braucht es aber auch kein Rumgeeier. Einfach in den Bach und hoch! Die paar Meter komme ich auch so ins Ziel. Und wenn es halt Blasen geben solle, überlebe ich das locker bis runter. Im Bach läuft es sich sogar besser nach oben, als in dem nassen Lehm. Das Wasser hat offensichtlich das Schmierige mitgenommen und ich habe festen Grund unter den Sohlen. Perfekt! Ich komme wieder vorwärts. Das Wasser ist zwar nach und nach kalt, doch anderthalb km wird es schon gehen. Die Schuhe werden erst mal wieder sauber! 😉 Der Bach endet. Es wird flacher. Der Weg wird breiter. Es wird laufbar. Also Laufen!
Guillaume, den ich vor den Bächen, kurz nach der Bushaltestelle wieder überholt hatte, kommt wieder ran. Ja, für ihn scheinen die sub35h doch wieder möglich. Ich werde mir runterwärts im Weg stehen. Egal. Gemeinsam erreichen wir den VP Colorado. Ich brauche kurz etwas zu Futtern. Es ist zwar nicht mehr weit. Aber der Magen drückt schon seit Grand Chaloupe. Da muß kurz ein kleines bisschen feste Nahrung rein, zwei kleine Schnittchen. Das muß reichen. Cola hinterher. Er zieht los. Ich wünsche viel Glück und ziehe zwei Minuten später auch los. 33:50h steht auf meiner Uhr. 1:10h verbleiben für den Abstieg. Normal muß das locker reichen. Beim TOR hab ich von Bertone keine 35min bis runter gebraucht. Aber ganz vergleichbar sind diese 4km nicht. Das hier ist deutlich länger technisch und es ist nass. Anfangs kann man noch ganz gut laufen, aber schon nach wenigen 100m geht es in wieder in den Trail. Die Wurzeln auf den steilen Abschnitten sind schon spannend. Teilweise halte ich mich an Bäumen fest, teilweise an Steinen. Manches Mal fixiere ich einfach auch nur den nächsten Halt und rutsche in die Richtung. Etwas piept mich das Geschlittere an. Aber dann sage ich mir, dass es nicht mehr weit ist. Einfach runter. Überleben und gut.
Die Wurzeln werden weniger. Es wird felsiger. Geil! Jetzt kann ich auch mal im Technischen die Stufen ignorieren und etwas zügiger Springen. Jetzt saust man nicht gleich am nassen Holz unkontrolliert noch mal nen halben Meter weiter. Die Zeit verrinnt. Ich weiß, dass es sich zieht. Ich weiß, dass das Stadion nicht wirklich näher kommt. Km auf der Uhr oder Höhenmeter sind keine hilfreiche Orientierung. Ich habe keine Ahnung auf welcher Höhe das Stadion wirklich liegt und ich weiß auch nicht bei welchem km genau ich oben am VP in Colorado los bin. Das Stadion vorn ist die Orientierung. Der Alarm, den man von da schon hört, ist die Orientierung und ich schaue immer wieder auf die Uhr wie viele Minuten noch verbleiben. Noch ne Kurve und noch eine und der nächste Schlenker in die falsche Richtung und dann wieder in die Richtige. Noch 50min, noch 40min. Es fühlt sich niedriger an, wo ich langeiere. Noch 30min und La Redute ist nicht mehr weit weg. Aber das war es vor 20min auch schon nicht. Schaut man auf den Track, sieht der Weg auf der Karte von Colorado aus bis La Redute fast gerade aus. Ich hatte mir diese Stück extra vorher auf der Karte angesehen und zum Glück weiß ich, dass es sich irgendwie in der Realität anders anfühlt.
Mittlerweile ist die Hochstraße fast schon zum Greifen nahe und von da ist es wirklich nicht mehr weit. Ein paar Höhenmeter fehlen noch und es sind noch 20min Zeit. Ein Zelt taucht auf. Letzte Zeitnahme, Startnummernkontrolle. Ich frage wie weit es noch ist. „Une Minute!“ ist die Antwort. Verscheißern kann ich mich allein! Sind es noch 10 oder doch 15min? Aber eine Minute ist es ganz sicher nicht! Egal. Ich muß nicht noch einmal nachfragen. Auf der Insel ist eine andere Zeitrechnung. Schon runter nach Grand Place, also noch im Mafate rief uns einer unterwegs zu es wären nur noch „deux minutes“. Auch da waren wir noch gut zehn Minuten unterwegs. Später in der Auswertung sehe ich, dass es ab da noch ein reichlicher km bis ins Ziel war. Eine Kehre nach der anderen ging es runter und nun sah ich auch schon an der Hochstraße Leute stehen. Ja, das war Einflugschneise!
Der Weg ging unter der Hochstraße entlang und damit war man auch schon auf den letzten 600, 700m. Einfach nur noch gradeaus zum Stadion, links abbiegen ins Stadion rein und dann noch einmal die letzte Kurve!

Geschafft! 34:54:05h!

Knapp 35h über teils doch anstrengende km durch wunderschöne Landschaften, ätzende Dschungelpassagen, anstrengende Auf- und Abstiege im Dunkeln wie bei gleißendem Sonnenschein. Atemberaubende Ausblicke und Stufen über Stufen, die ich mich teilweise nur sachte runter wuchten, teilweise laufen konnte.
Der Weg war das Ziel. Ja, 165km sind nicht die Herausforderung. Damit umzugehen, habe ich gelernt. Das kann ich. Die Herausforderung sind diese (!) 165km. Die Herausforderung ist dranzubleiben, nicht nachzulassen, immer weiter zu ziehen, auch wenn einen manch technischer Downhill, manch Rumgegurke im Dschungel (hier meine ich speziell die Passagen kurz vor und kurz nach dem VP Chemin Ratinaud, km138), manch Rumgeeier auf gerader Strecke mit lauter Steinen auf dem Weg ausgekippt, wo du laufen willst, aber vor lauter Suche nach Tritten keine Geschwindigkeit aufnehmen kannst, den Kopf immer wieder verleiten will, es sachte weiterlaufen zu lassen.
Ich denke, die Strecke geht bei der Trockenheit wie wir sie hatten noch mal schneller. Ich kann das schneller. Aber dafür muß ich mehr technische Downhills runterlaufen, muß mehr Treppen laufen. Nein, die Stufen und Tritte sind nicht übermannshoch. Aber sie zerstören einem die Knie, wenn man das nicht gewohnt ist und ich bin das nicht gewohnt. Die Übung in den Alpen war da. In Sulden hatten wir steileres technischeres Gelände als ich es in den deutschen Alpen kenne. Das bin ich auch gelaufen. Aber es war wohl zu wenig, oder ich habe mir bei der Diagonale zu spät getraut das dann auch zu laufen, hatte „Angst“ zu zeitig Oberschnekel und Knie zu schrotten. Hmm, die Oberschnekel waren ab Marla geschrottet. Nein, die sind es nicht. Die Knie, die wollte ich dann wenigstens „erhalten“.
Mit der Zeit, nein, mit dem Lauf bin ich unter den Trainingsvoraussetzungen, die ich im Laufe des Jahres hatte, durchaus zufrieden. Ich hätte schneller gewollt, aber es wirklich nicht gekonnt! Der Mai und Juni waren quasi Ruhemonate und im Juli startete ich nach der Plantarsehnenreizung langsam wieder ins Laufen. August/September war dann der Aufbau für diesen Lauf. Zwei Monate für den Lauf. Puh, allein für diese Aussage würde mancher nur ein Kopfschütteln übrig haben. Da war zum Glück noch viel Basis aus dem Frühjahr da, um überhaupt so losziehen zu können. Und natürlich betrachtet man seinen Lauf auch immer aus dem Gesichtspunkt des eigenen Könnens. Ja, dafür lief es auf La Reunion wirklich gut!
Und doch nagt es während des Laufes im Kopf!
Nein, man läßt die Leute runterwärts nicht an sich vorbeiziehen, sieht wie sie spielerisch hüpfend im Grün verschwinden und überlegt nicht warum das so ist! Natürlich grübelst du was anders sein muß! Man akzeptiert es; muß es in dem Moment akzeptieren – im Downhill nach Cilaos wegen dem linken umgeknickten Fuß sowieso. Und doch fragt man sich beim Lauf was in der Vorbereitung besser laufen muß, um das auch so, oder wenigstens annähernd so zu können. Um dort schneller laufen zu können, muß ich konstanter in der Belastung laufen, muß lockerer – vielleicht nicht viel schneller aber doch lockerer solche (!) Wege bergab laufen können und benötige vor allem eine verletzungsfreie Saison auch über das Frühjahr, damit die Basis an einer anderen Stelle liegt, als sie bei dieser Diagonale lag.

Unter den Voraussetzungen, die lagen, bin ich diese Diagonale gut gelaufen! Das Ergebnis ist gut!

Für ein sehr gut fehlte etwas und was fehlte, habe ich erst während des Laufes (wieder)erkannt.

Ob ich aus dem „gut“ noch ein „sehr gut“ machen muß, weiß ich noch nicht so genau. Aktuell denke ich nein, weil ich nicht wirklich die Möglichkeit sehe vernünftig die Defizite in einem Training ausgleichen zu können. Es geht schließlich nicht darum einfach nur die steilen, technischen Bergapassagen laufen zu können. Runter komme ich da und viele kommen nicht so schnell runter wie ich. Das ist nicht das Thema. Es geht darum so trainieren zu können, dass eine Basis da ist, sie schneller laufen zu können, als jetzt. Nur mit einer Idee dazu würde ich noch einmal aus dem „gut“ ein „sehr gut“ machen wollen.

Beim UTMB z.B. steht ein Lauf mit dem ich zufrieden bin. Die Zeit ist nicht nicht super gut. Höhe Refugio Bonatti habe ich Druck aus dem Lauf genommen, um auch den TOR eine Woche später noch laufen zu können. Und doch muß ich da ganz sicher nicht noch einmal hin, um besser, schneller da zu laufen. Ich glaube, in dem Fall war gut auch wirklich gut!

Bei der Diagonale ist es anders. Da steht es schon auf dem Tshirt:

J’ai Servècú! – Ich habe überlebt!

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Eine doddal verrückte Diagonale – meine Diagonale 2012

Es ist Samstag, der 20.10.2012. Ich sitze auf einer Wiese. Die Sonne scheint angenehm warm. Mit ihrer vollen Kraft trifft sie mich aber nicht. Ich sitze unter einem Baum, habe das Telefon in der Hand und höre wie es am anderen Ende klingeln muß. Es war ja grad erst Sieben. Diese Uhrzeit und was das in der normalen Welt im Urlaub bedeutet realisierte ich erst in dem Moment, als Silke ran ging. *räusper*
Doch Schluß! Nach Maido kommt man auch besser mit dem Auto. Die Straßen sind nicht so eng und den Weg kennt sie ja schon. Ich meinte, sie solle sich Zeit lassen. Die Sonne ist warm und ich hätte Zeit. Fast wollte ich schon auflegen. Da fragte ich noch kurz wann Andreas drin sein würde. Nicht dass sie mich abholt und dafür den Zieleinlauf von Andreas verpaßt.
„Andreas? Der ist noch tief im Mafat. Seine Lampe ist ausgefallen und er mußte warten, bis es wieder hell wurde. Mit anbrechendem Tag ist er in Marla erst wieder los.“
„In Marla? Dann ist er ja mindestens 35km hinter mir. Das sind minimum 7h.“ Während des Telefonates ratterte es im Kopf: ‚Wie lange würde er von Marla seit 6Uhr bis St. Dennis brauchen. Das waren mindestens 80km. Das sind noch mindestens 16h. Wie lange würde ich brauchen? 18h hatte ich von Cilaos bis hierher gebraucht. Die Distanz ist die Gleiche, aber die Strecke wird besser.‘
„Alles klar. Danke für die Info. Entschuldige das Wecken, aber das war grade seehr gut. Wir sehen uns in La Possession. Wann ich da bin, weiß ich noch nicht. Aber ich komme!“
Schuhe wieder an. Rucksack wieder auf. Nen Gel reingedrückt und weiter. Schön ist anders, aber erst mal war der Druck ja raus aus den Blasen. Dreihundert Meter weiter kam der VP. 😉
Sicherheitshalber steuerte ich das Sanizelt doch mal an. Ja, Blasenversorgung haben sie an Bord. Also Pause. Die gute Frau schaute sich etwas konsterniert mein Meisterwerk von vor wenigen Minuten an, machte lediglich etwas Tape um ein, zwei offene Blasen, lies die von mir übersehene Blase dann doch zu, schmierte alles mit Vaseline ein und meinte das wäre OK. Den Aufenthalt hätte ich mir sparen können. Aus Frust vergaß ich am VP glatt ordentlich aufzutanken und kontrollierte auch die Trinkblase nicht. Der nächste VP ist nicht weit. Das ist Ilet Alcide, gegenüber vom Col de Orange. Andreas und ich hatten bei unserer Besichtigung schöne Fotos von Calas dort gemacht.
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Also weiter. Zum Glück ging es noch nicht steil bergab, sondern mehr flach durch den Wald. Es war schattig. Ich kam vorwärts. Aber warm wurde es trotzdem. Und … die Trinkblase war alle. OK, ich hatte im Rucksack für alle Fälle eine 0,33l-Flasche mit Wasser und es kam ja bald der nächste VP. Blöd nur, dass das gar kein VP war. Dort wurden nur Startnummern aufgeschrieben. Betteln wollte ich nun auch nicht nach Wasser. Eine kurze Frage nach Wasser wurde mit Sans Souci beantwortet. Und ich dachte mir dann so, Vielen Dank ihr hilfreichen … Dann eben nicht. Das schaffe ich jetzt auch noch. Nicht mehr aus dem Schirm hatte ich, dass es noch 8km bei Sans souci waren. 8km Bergab gewandert hieß unter den aktuellen Bedingungen trotzdem noch mal reichlich 2h. Das wußte ich dem Moment aber nicht wirklich in der Konsequenz. Nach spätestens ner Stunde war die Flasche dann auch gänzlich alle und dann hieß es einfach nur durchhalten. Da ich aber ja nun ehr mehrere Probleme hatte, konnte ich mich in der Konzentration von einem zum anderen hangeln.
Ich hatte Durst, Hunger, es ging steil bergab, wobei die Zehen mit jedem Schritt der zu stark auf der Spitze landete super brannten und mit sinkender Höhenmeterzahl fing das linke Knie an zu zicken, die Sonne knallte, ich wußte genau, dass es noch weit bis unten ist und der Weg wollte nicht enden. Das war Schalk mit richtig Rock an. Nur war ich völlig allein und konnte mich meinem Selbstmitleid völlig ergeben. Quatsch. Ganz so schlimm war es nicht, aber der Weg wollte in der Tat nicht enden und ich sehnte mir die nächste Wassertränke herbei und vor allem ein Enden dieser elenden Stufen. Ich wollte nicht weiter runter!
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Bild von der Streckenbesichtigung
Was das Knie anbelangt, hatten die Blasen an den Füßen den enormen Vorteil, dass ich mir vermutlich bei höherer möglicher Laufgeschwindigkeit das Knie schon dort richtig geschrottet hätte. So wurde es bis Sans Souci nur leicht angeknockt.
Dann endlich kam er, der Ort Sans Souci. Die ersten Leute. Wieder wurde man angefeuert. Bon courage, bon Courage! Noch waren es einige Meter bis zur Schule. Aber jetzt war das Ende in Sicht. Die Straße wurde eben. Endlich nicht mehr runter. Leute auf der Straße, die einen anfeuerten. Da kann man nur wieder in den Laufschritt verfallen. Und dann endlich der VP. Trinken, trinken, trinken! Und das absolute highlight waren Pfannkuchen. Die hatten dort wirklich Pfannkuchen, also Crepe meine ich natürlich. Ich muß mächtig verhungert ausgesehen haben, oder lag es daran, dass ich mich wie ein Schneekönig über die Crepe freute und das auch kundtat? Auf jeden Fall bekam ich drei Stück. Alle, die nach mir kamen erhielten jeder nur einen – zum Probieren. 😉 Lecker war das! Die Chefin vom VP fragte mich, ob es mir gut ginge und weiß ich was nicht noch. Irgendwann fragte sie auch wo ich herkomme. Und auf die Antwort kam wieder ganz lustig ein „Na dann können wir uns doch auch in Deutsch reden.“ Na gut. Dann haben wir uns eben ein wenig in Deutsch unterhalten.
So erfuhr ich aus allererster Quelle, dass Iker Karrera, der Sieger des Zugspitz-Ultratrails 2011 an Position drei liegend in La Possession 2h Pause machen mußte, weil er völlig erschöpft war und dann auch dort das Rennen beendete. Ich denke, die Bedingungen der ersten 15h bei Regen waren hart. Und die Jungs sind ja durch den ganzen Mafat bei diesem sch… Wetter geheizt. Und von Sans Souci sind es noch einmal nicht zu unterschätzende 40km!
Leider mußte ich auch dort erfahren, dass ein Läufer abgestürzt ist und dabei zu Tode kam. Sehr, sehr traurig! Dort hieß es noch es wäre ein Deutscher gewesen. Ich bin vom Essensstand weg dann gleich erst mal zur Zeitnahme und fragte wo Andreas gerade ist. Als die mir mitteilten er wäre gerade Roche Plate durch, war ich zu mindest erst einmal diesbezüglich beruhigt. Später las ich, es wäre ein Läufer aus Marseille gewesen, der schon einmal die Diagonale erfolgreich beendete. Dann kann man zumindest annehmen er wußte was er tat und es war ein tragischer Unfall. Für die Familie macht es dies allerdings auch nicht besser.
Von der Zeitnahme machte ich mich dann auch gleich auf die paar km bis zum nächsten VP. Da war wieder eine offizielle Fußversorgungsstation! ;-)) Während alle um mich rum gingen, bin ich förmlich dahin geflogen – gefühlt. In Realität wird es ne 7er pace gewesen sein. Aber ich war immerhin schneller, als die anderen. Das hat doch was, das baut auf.
Am VP km136 stand der nächste Beutel bereit. Also kurz Klamotten und damit frische Schuhe und Socken geholt und ab zur Fußversorgung. Die Mädels haben ihren Job wieder perfekt gemacht. Alles was so dazu gekommen war, wurde aufgestochen, desinfiziert und getapet. Neue Socken an, Beutel wegbringen, noch fix was anständiges zu Futtern in Form von Reis und gegrilltem Hühnchen geholt und eingeworfen, Trinkblase aufgefüllt und los ging es auf den bekannten Weg nach La Possession. Die Verweildauer im VP wird sicher aufgrund der Fußversorgung locker ne halbe Stunde gedauert haben. Aber Zeit war eh völlig wurscht. Ich würde es eh nicht mehr schaffen im Hellen bis St. Dennis zu kommen. Laufen konnte ich nun wieder! Das hatte doch schon mal was. Und Streckenkenntnis hatte ich auch. So wußte ich nun genau wie weit es hoch geht und kannte das hinter St. Therese folgende Auf und Ab mit Urwaldstrecken und laufbaren Passagen. Hier habe ich so einige eingesammelt. Runterzu war kurz genug, damit sie mir nicht zu weit weg liefen und in der Ebene und vor allem hochzu war ich fix. Das hat Spaß gemacht! Nicht ganz so geil waren dann die eigentlich leichten Meter runter nach La Possession. Da war ich wieder langsam. Aber irgendwann waren die dann auch überstanden. So wie ich wieder in der Ebene unterwegs war, wurde wieder gelaufen. Am VP noch kurz ne Cola und nen Müsliriegel eingeworfen und dann ging es schon weiter. Nun noch 20km, nur noch 20km, so möchte man meinen. Diese 20km bedeuten aber noch einmal ordentlich Höhenmeter hoch wie runter und mit der Chemin des Anglais ein durchaus schwierig zu laufendes Gelände. Das sind 5h sicher für einzuplanen. So relativiert sich der immer gehende 10er doch mächtig. Aber ich wußte das. Damit war es nur halb so wild.
Kurz nach dem VP, am Ortsausgang von La Possession standen Silke und Marion.
Das letzte mal hatte ich sie gesehen, als wir aufbrachen zu diesem großen Abenteuer. Es war schön sie zu sehen! Und beim nächsten Mal würde ich sie in St. Dennis sehen! Wie geil ist das denn? Dort gab ich Silke meine Stirnlampe. Sie würde sie Andreas geben, da er definitiv noch einiges im Dunkeln unterwegs sein würde. Sie gab mir meine alte Tikka. Es war kurz nach 16Uhr. Ich hatte also noch 2 ½ h Zeit bis es dunkel wird. Noch kurz nen Trinkjogurt eingepfiffen, einen zweiten packte ich in den Rucksack. Das sollte etwas Verpflegung für unterwegs sein und schon „stürmte“ ich in Richtung Chemin des Anglais.
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Hoch ging es wieder im Stechschritt.
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Alles und jeden lies ich hinter mir. Es machte Spaß, ich hatte Kraft, es lief. Der 240Hm-Anstieg war ruckzuck geschafft und in der Ebene wurde ich wieder ruhiger. Schalk, nicht übermütig werden. Es ist noch ein Stück! Grausam für die Füße war noch einmal der steile Abstieg nach Grande Chaloupe. Hier wurde ich dann doch ab und an gefragt, ob es mir gut ginge. Muß wohl ganz schön getänzelt und geschlichen sein. ;-( Mit intakten Füßen kann man diese fünf Serpentinen der Steinstraße durchaus gut laufen. Man springt einfach von Stein zu Stein. Aber so war es doch etwas ätzend. Egal. Nun ist es vielleicht noch etwas lang, aber nicht mehr weit! Den Anstieg ebenfalls noch auf dieser Straße, nun wieder mit besserem Pflaster, von Grande Chaloupe nach St.-Bernardt flog ich wieder förmlich hoch. Das hat einen heiden Spaß gemacht. Ich hatte einen guten Rhythmus und stürmte an allen vorbei. Es ist der letzte Anstieg. Runter sind wieder alle schneller. Also gib hier noch mal was drin steckt! Und es steckte! ;-)) Ein Raider kam mit mir mit. Da war ich allerdings schon auf der Hälfte des Anstiegs, als er mit einstieg. Und so flogen wir im Zweierteam an allen vorbei. Kommentare, die man sich hinter uns zurief habe ich zwar nicht verstanden, aber balsam für die Seele war es doch noch (wenn auch nur ein paar km) einen auspacken zu können und noch mal losstiefeln zu können.
In St.-Bernardt war dann aber irgendwie der Kopf im Ziel-Modus – Ich will jetzt nicht mehr! Die restlichen km nach Colorado lief ich noch, aber irgendwie war dann die Kraft raus. Vielleicht hätte ich doch nicht so viel Pulver im Anstieg verschießen sollen. Andererseits limitiert die Bergabpassagen nicht die Kraft. Also ist das auch egal.
Es wurde finster. Also Stirnlampe auf. *räusper* Funzel auf. Hilfe, war das ein Licht. Und damit sollte ich den letzten Abstieg meistern? Das kann ja heiter werden. Aber erst mal ging es noch nach Colorado hoch. Auf dem Weg dahin machten die Streckenposten schon etwas Zinnober.
„Sie laufen das erste mal hier?“
„Ja.“
„Also, es geht dort vorn rechts in einen kleinen Pfad etwa 3km immer steil bergan. Dort angekommen in Colorado beginnt dann ein 7km langer schmaler Trail nach unten ins Stadion. Viel Glück und einen wunderschönen Abend wünsch ich.“
Das ging mir auf den Zeiger. Die letzten 160km hat mir auch keiner viel Glück gewünscht und den Weg erklärt. Wieso fangen die dann jetzt damit an? Hauptsache die Strecke ist vernünftig markiert, dass ich mit meiner Funzel ne Chance habe.
Gehört habe ich schon genug von den legendären letzten 5km. Da kann man noch mal richtig Zeit verbringen, weil der Trail so schwierig sein soll. Na Prost Mahlzeit. Mir reicht das Abwärtslaufen schon. Das wird lustig genug. Kurz gesagt. Mir ging noch mal die Muffe. Und noch mal 10km hatte ich nicht auf dem Schirm. Das war so nicht geplant. Andererseits müssen auch diese km irgendwann zu Ende sein.
In Colorado angekommen verschnaufte ich kurz am VP. Die ganze Atmosphäre war nicht mehr wie Wettkampf. Die Ersttäter vom Trail Burbon wurden dort hin mit nem Bus gefahren – so meinte jedenfalls ein Streckenposten – und liefen mit Guide die Strecke nach unten. Von oben kamen ab und an mal ein paar „Verrückte“ angeschossen, die schnell da runter wollten. Ich bin in aller Ruhe mit den anderen mit. Zum einen hatte ich damit ne Orientierung vom Licht her und zum anderen tat mittlerweile wieder jeder falsche Schritt Hölle weh. Es bildete sich eine immer länger werdende Schlange an Läufern in dem Trail bergab. Technisch schwierig war der nicht wirklich. Ich würde ihn nicht einmal als Klettersteig einsortieren, wie den letzten oberen Abstieg beim Zugspitz-Ultratrail. Ein paar höhere Tritte waren wieder bei. Aber sonst gings eben nur einfach diese elenden keine Ahnung wie viele Hm runter. Eine Kehre, noch ne Kehre, dann blieb man auf der Höhe und noch ne Kehre und man kam und kam einfach nicht weiter runter. ICH WILL JETZT EINFACH NUR NOCH DA RUNTER! Man sah das Stadion längst und schlängelte sich endlos an diesem dämlichen Berg entlang. Runter! Runter! Ich will nicht mehr! Am Ende dieser Schlange bildete sich eine kleine Leidensgemeinschaft. Bei nem falschen Tritt konnte ich manchmal ein kurzes Aufstöhnen nicht unterdrücken. Hinter mir lief eine Frau. Ich fragte, ob sie vorbei wolle, ich kann nicht mehr so schnell. „Nöönöö.“ War die Antwort. Sie kann auch nicht schneller. Als Erklärung für diese Langsamkeit führte ich die Blasen an den Zehen ins Feld. ‚Oh ja, das könne sie gut nachvollziehen.‘ war die Antwort. Ihr ging es exakt genauso. Jeder Auftritt, wenn man grad ne Blase erwischt tut weh. Nein, schneller geht nicht. Das reicht völlig und einfach nur noch ankommen! Und mal trat sie auf ne Blase und mal ich. Das war schon irgendwie wieder so komisch, dass wir lachen mußten.
Janz langsam schraubten wir uns nach unten. Das Stadion kam näher und näher, die Straße war erreicht. Leute über Leute standen hier und feuerten einen an. Jetzt noch über die Straße, zum Stadion, ins Stadion hinein. Hier war irgendwie so ein wenig Chaos, da Zuschauer und Läufer sich mehr oder weniger den Platz teilten. Mancher Läufer wußte nicht wo er lang müsse. Nicht immer wurde der Weg gewiesen. Ich wußte den Weg und so ging es auf die letzten 150m dieses verrückten Rittes. Es war geschafft! Silke und Marion standen an Rand. Noch einmal um die Kurve und dann war es endgültig vorbei!
Schluß! Aus! Vorbei! Ziel! Ende!
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Erst hier realisierte ich, dass von Colorado doch noch einmal die Zeit genommen wurde. Andererseits habe ich unterwegs auf den 170km so viel Zeit vertrödelt, dass die 10min, die ich vielleicht hätte schneller sein können, den Kohl auch nicht mehr fett machten. Die letzte Nacht im Marfat und weit bis nach km121 war für mich eine große Wanderung. Das war kein Wettkampf mehr. Der hatte bei km72 aufgehört. Ab da war es Wandern. Das kotzte mich an. Ich war gekommen, um zu laufen und über diese vielen Wanderkilometer setzte sich der Frust ob dieser 100km-Wanderung fest. Ich fühlte mich nicht auf diesem großen 170km-Lauf. Erst in La Possession, wo die Leute alle Läufer wie Helden feierten und anfeuerten – wo man doch noch lange nicht im Ziel war! – Erst da kam ein bisschen das Gefühl zurück bei einem großen schweren Lauf dabei gewesen zu sein und diesen erfolgreich beendet zu haben. Oben nach Colorado kam die „Wanderung“ wieder durch. Insofern war der Zieleinlauf etwas zwiespältig. Ich hatte es geschafft, aber eben irgendwie Zweigeteilt. Es war nicht EIN Wettkampf, es war in Summe nicht DER Wettkampf. Ich konnte über weite Strecken gar nicht mehr an meine Grenzen gehen, war trivial bescheuert gehandicapt. Gefühlt war ich einer der Letzten, die ins Ziel kamen. Da waren mit mir nicht mehr viele auf der Diagonale unterwegs. Alles was einigermaßen laufen konnte, mußte längst im Ziel sein. Schließlich bin ich doch nur noch gewandert und habe viel zu lange Pausen an den VPs gemacht.
Tja, so kann man sich irren. Von 2752 gemeldeten Läufern kamen 1363 ins Ziel. Der Letzte erreichte nach 66h22min das Ziel. Mit 47h32min war ich Gesamt 244. Bis 1363 fehlten da doch noch ne ganze Menge.
Mittlerweile bin ich doch wieder etwas auf dem Boden der Tatsachen angekommen.
Ja, ich habe doch ernsthaft diese doddal verrückten 170km mit irre tollen Wegen, einer super Stimmung am Rand bei den Zuschauern und elendig vielen Metern hoch wie runter nach zwei erfolglosen Aufgabeversuchen geschafft! ´
Es war ein doddal verrückter Lauf!
Aber Ultraläufe sind wohl immer so – unberechenbar.
😉
PS: Nach dem Zieleinlauf hieß es warten. Erst mal bis die Mädels was zu futtern organisiert hatten. Dann Duschen und dann mußte doch irgendwann auch Andreas kommen. Etwas doof war, dass wir Klamotten für den Zieleinlauf um die Mittagszeit eingepackt hatten.
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Es war mittlerweile aber nicht mehr Mittag.
Andreas seinen Zieleinlauf verschlief ich. Wäre ihm die Lampe nicht ausgefallen, hätte er bestimmt einen richtig guten Lauf hingelegt. Immerhin mußte er 7h in Sentier Scout verharren und auf Licht warten.
Trotzdem waren wir wohl beide geschafft, aber glücklich diese Verrückte Diagonale geschafft zu haben.
Dnake an euch alle für’s Mitfiebern. Das nachträgliche Lesen hat einen heiden Spaß gemacht. 😉
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Doddal verrückt durch finstere Nacht! – Meine Diagonale 2012

Es ist Freitag, der 19.10.2012 um 15:50Uhr. Ich sitze in Cilaos auf la Reunion in einer kleinen Baracke direkt am Stadion des Ortes. Vor mir steht ein Klamottenbeutel voll mit quatschnassen Laufklamotten, pottdreckigen Socken und Schuhen. Daneben steht mein Laufrucksack. Stirnlampe, Rettungsdecke, Sanipäckchen, trockene kurze Laufsachen sind drin. Mir ist wieder warm. Lange Hose, langes Flies und Windjacke sowie trockene Socken und Schuhe sind hierfür wohl vor allem verantwortlich.
Ich warte.
Sicherlich eine Stunde wird es noch dauern, bis Silke da ist. Um mich herum kommen Läufer an, essen, gehen. Viele Leute sind es nicht. 72km haben wir alle hinter uns. 98km haben die anderen noch vor sich. 72km. Das ist gerade mal der Rennsteiglauf. Die kann man auch mal in 6:15h laufen. Ich brauchte heute 15:24h dafür.
Wie viele Lauf-km habe ich in diese Vorbereitung gesteckt? Wie viel Zeit investiert? Was an Equipment noch gekauft. Und nun sitze ich hier und warte, dass Silke mich einsammelt. Blasen. So was doddal Triviales. Nicht irgendeine heroische Verletzung, kein Kopf unterm Arm, keine Krämpfe, keine lädierten Knochen, nichts. Muskulär ist alles top in Ordnung. Die Beine sind ausgeruht und bei jedem Schritt den ich bergab nach Cilaos gegangen (!) bin, hätte ich schreien können – ein wenig vor Schmerz und vor allem vor Wut. Weitere 98km so etwas? Nein! Das geht nicht.
Der Kopf ist nicht mehr im Wettkampfmodus. Ich habe ausgeschalten, keine Lust mehr auf irgendeinen km. Mir ist warm und ich habe fertig.
Aber die Blasen sind doch versorgt. Ja, man merkt sie schon noch deutlich, aber die Schuhe sind trocken, die Socken frisch. Warum sollte es jetzt nicht weitergehen? Alle anderen, die sich an den Füßen versorgen ließen, hören die jetzt auch alle auf? Wozu ist das denn dann gut? Vielleicht solltest du doch einfach mal aufhören zu heuln und es einfach mal angehen. Gegenüber denen, die da erst mitten in der Nacht planmäßig hier sein werden hast du doch wohl ein ernsthaftes Luxusproblem!
Es ist 15:55Uhr. Ich schaue in die Gesichter der ankommenden Läufer. Ich sehe den Optimismus in den Augen. Sie holen sich was zu Essen und dann wird es weiter gehen.
Ich ziehe die Schuhe aus, um die lange Laufhose gegen eine kurze zu wechseln. Die lange kommt in den Klamottenbeutel zu den alten Sachen. Das Gepäck im Laufrucksack wird noch mal angeschaut. Ein trockenes kurzes Shirt ist in ner Tüte im Rucksack. Das Flies habe ich an. Ein dünnes langes Shirt würde wahrscheinlich reichen. Das habe ich aber nicht hier anbei. Schuhe und Jacke wieder an, Trinkblase kontrolliert. Die reicht bis zum nächsten VP. Silke anrufen: „Wo seid ihr jetzt? Danke fürs schnelle losfahren, aber Ihr könnt wieder umdrehen. Ich laufe weiter.“ Der Beutel wird abgegeben, geschaut wo es raus geht zurück auf die Strecke und los. Langsam laufe ich an. Es geht. Nicht schön, aber es geht. Jetzt gilt es. Der Wettkampf ist zwar vorbei, aber jetzt wollen wir doch mal sehen, ob ich das überlebe! Was soll auf diesem T-Shirt stehen? „Ich habe es überlebt!“ So sieht also Teil 2 aus.
Nach einem knappen km weiß ich, dass ich auch wieder laufen kann. Nicht schnell, aber es geht. Die Beine sind so wie so in bester Ordnung. Es wird warm. Rucksack ab, langes Shirt aus, Kurzes an. Noch rechtzeitig bevor es naßgeschwitzt ist, kommt es wieder in die Tüte. Und jetzt wird durchgestartet! Läufer vor mir gehen die Straße hoch. Ich laufe. 😉 ein fettes Grinsen huscht über mein Gesicht. Es ist kurz nach 16Uhr. Es ist bedeckt, aber es regnet nicht mehr – ideales Laufwetter. Bis zum Col de Tabit sind es 11km inkl. 1300Hm. Dann kommen 500m Abstieg. Es sind noch zweieinhalb Stunden Zeit bis es dunkel wird. Schade, den Abstieg hätte ich gern noch im Hellen gemacht. Aber dann sehen wir wenigstens zu noch so weit wie möglich im Hellen zu kommen. Und es geht los! Spaß macht es wieder. Hoch geht immer gut. Vorhin auch. Am VP bei km79 mache ich nur einen kurzen Stop. Die Blase ist noch voll genug. Bei der Ankunft dort wird mein Chip nicht eingelesen. Nur die Startnummer wird kontrolliert. „Alles OK“, heißt es. Das Lesegerät ist wohl ausgefallen. Deshalb tauche ich auch mit keiner Zwischenzeit dort auf. 😉 So dauert es bis Marla.
Den Col de Tabit erreiche ich in der Dämmerung. Jetzt heißt es Lampe auf und los. Die zweite Nacht. Wie kommt man da durch? Wann greift die Müdigkeit? Im Moment bin ich Putzmunter und einfach nur unterwegs. Der Weg ist das Ziel. Vom Weg sieht man 20-25 Meter und ob es hoch oder runter geht und wie weit es hoch oder runter geht sieht man zum Glück eher nicht. So langsam ist der Lauf in Routine übergegangen. Auf die Uhr schaue ich lange nicht mehr wirklich. Die Höhenmeter sind mir auch ziemlich egal. Es geht einfach immer weiter bis zum nächsten VP und dort wird sich was eingeworfen. Suppe ist eigentlich Pflicht – so es welche gibt und dann gibt’s dazu ein paar Riegel oder Baguette. Hinterher noch nen Kaffee und ne Cola, kurz verschnaufen dabei und dann weiter. Vorher kurz ne Frage wie weit der nächste VP ist, kurz prüfen, ob die Trinkblase bis dahin reicht und dann aber los. Ich weiß, dass ich den Mafat erst wieder im Hellen verlassen werde. Irgendwie ist das etwas ernüchternd, aber was soll‘s. Der nächste richtige Anstieg kommt dafür eben auch erst im Hellen. Eigentlich ist es schade das Mafat nur im Dunkeln zu sehen. Es soll sehr schön sein. So ist es nun mal. Gegen 1Uhr erreiche ich den VP vor Roche Plate. Ich bin immer noch nicht müde, aber ich weiß, dass es nun ein Stück ist bis zum nächsten VP. Ich esse kurz und beschließe dann doch kurz zu schlafen. Am Telefon stelle ich mir den Wecker auf 20min später und mache die Augen zu. Nach 5min bin ich kurz wieder da, schaue hoch und mache die Augen wieder zu. 10min später bin ich wieder wach. Das reicht. Vom Prinzip bin ich von Marla aus fast durchgelaufen. Die Beine wollten etwas Ruhe. Die hatten sie. Jetzt kann es weiter gehen. Der Weg nach Roche Plate ist etwas ätzend. Es geht steil hoch, um ne Ecke und den ganzen Dreck wieder runter. Unten angekommen durch nen Bach und wieder hoch, um nach ner Ecke wieder runter zu gehen und dann das gleiche wieder von vorn. Wenn du da das Ziel Roche Plate auf dem Zettel hast, gehst du kaputt, du kommst nie da an. Immer wieder ne Ecke, immer wieder hoch und runter. Es nervt.
Immer wieder sieht man mal wieder einen Raider in eine Wärmefolie eingehüllt mitten im Wald liegen. Ich hatte davon in Berichten schon gelesen. Drollig fand ich das trotzdem. Nein, es war nicht wirklich kalt. Somit ging das. Da ich eh nicht müde war, kam mir das so wie so nicht in den Kopf. Geschlafen hätte ich vermutlich aber auch eher an einem VP. Irgendwo weit vor Roche Plate hatte sich eine Frau zwei Meter neben dem Weg einfach lang gemacht, lag auf dem Rücken, den Kopf auf nem Stein, die Arme an der Seite, den Rucksack auf dem Bauch liegend und schlief. Ich dachte ich wär im falschen Film. Es war wohl der richtige, ein verrückter Film.
Irgendwann erreiche ich den letzten VP im Mafate. Die Füße brennen längst wieder. Zu den vorhanden Blasen haben sich neue gesellt. Zum Glück sind es aber nur welche vorn an den Zehen. Der Ballen und die Ferse geben diesbezüglich Ruhe. So ist es nur in Bergabpassagen etwas anstrengend. In Roche Plate verweile ich wieder sicher eine halbe Stunde. Es heißt Kraft tanken für den letzten großen Anstieg hoch zum Maido. Ab da kenne ich weite Teile der Strecke. Das wäre alles laufbar. Haha!
Egal. Gegen 5Uhr breche ich wieder auf. Hoch mag ich. Das ist nicht so schlimm. Und ich hoffe nun ernsthaft mal nur hoch zu müssen. Der erste Hahn fängt an zu krähen. Noch ist es stockfinster, aber langsam muß es doch beginnen zu dämmern. Schnell kräht es gefühlt im ganzen Mafat um die Wette. Sonst ist es ruhig. Weit über mir sehe ich Lichter. Das muß Maido sein. Ok, das Ziel ist definiert. Nun einfach immer schön stetig bergan. Es läuft. Die Sonne geht auf. Es dauert nicht lange und man spürt die Kraft, die sie hat. Na Prost Mahlzeit. Gegen 10Uhr wollte ich in St. Dennis sein. Wenn ich Glück habe, ist es noch nicht wieder dunkel bei dem Schneckentempo. Weiter schraube ich mich den Berg hoch. Auch dieser Abschnitt ist nicht technisch anspruchsvoll. Man braucht einfach nur Geduld. Die Höhenmeter kommen dem Ziel immer näher. 1600m, 1700m, 1900m. Ich dachte bei 2000 wäre ich da. Das muß mehr sein. Bis da oben sind es nicht nur noch 100Hm. OK, dann ist das so. Aber dann ist auch die Hürde genommen. Mir brennen die Füße. Ich will zum VP. Essen, Trinken, Ruhe, Fragen, ob da vielleicht auch die Füße verarztet werden können. Die Sonne hat irre Kraft. Es ist warm. Zum Glück weiß ich, dass es bis Sans souci viel im Wald geht.
Im Ausgang des Aufstiegs angekommen stehen wieder Leute und applaudieren. Ich halte Ausschau nach dem VP. Nix zu sehen. Man zeigt nach rechts. Ich weiß, dass es da lang geht. Aber der VP muß doch hier irgendwo sein? Ja, da lang. OK, dann da lang. Nächste Lichtung, nichts, noch ne Kurve, nichts. Sollte ich mich so geirrt haben? Ist der nächste VP doch erst wieder gegenüber dem Col de Orange (Ilet Alcide)? Das wären noch ein paar Meter! Ich mag nicht mehr. Es geht jetzt doch nur noch abwärts. Da schmerzt es richtig ordentlich unter den Zehen. Da muß einiges dazugekommen sein. Nachsehen? Besser nicht. Ich bin km121. Das sind noch mal 50km mit sofort kommenden 1700Hm runter und im Anschluß geht es auch mehr nach unten, als hoch. Nach der nächsten Lichtung ohne VP beschließe ich Ausschau nach nem Plätzchen zu suchen, wo ich mich hinsetzen und Blasenschau machen kann. Dann werden die eben selber aufgemacht und mit Vaseline abgeschmiert. Schuhe aus, Socken aus und schauen. Ein super Bild bietet sich. Beidseitig eigentlich die gleiche Katastrophe. Und so willst du also nach Sans souci und im Grunde eigentlich noch weitere 50km bis St. Dennis. Mit dem Füßen? Wie lange bin ich jetzt schon seit Cilaos unterwegs? Wie lange tue ich mir diesen Müll hier nun schon an? Ist das hier ein Laufwettkampf? Ist diese Wanderei mein Anspruch eines Laufs? Ist es das wirklich, was ich will?
Laufen will ich. Von mir aus auch länger Strecken. Aber doch nicht diese Wanderei. 18h seit Cilaos! Für 50km! Es ist 7Uhr. Noch mal 18h drauf wäre ich Sonntagnacht erst da. Will ich das? Will ich das wirklich?
Andreas muß irgendwann in drei, vier Stunden in St. Dennis ankommen. Dem ging es in Cilaos wieder richtig gut. Wenigstens einer von uns der ankommt. Hat doch was.
War jetzt zwar ein bissl dämlich diese weiteren 18h auch noch hier rumzudümpeln, aber ein bissl Vernunft an der richtigen Stelle hat doch auch was. Schalk, mach Schluß mit dem Quatsch. Dann eben nächstes Jahr beim UTMB der zweite Versuch. Is nich schlimm. Das paßt schon.
Ich schnappte mir das Telefon und rief Silke an.

😉

Doddal verrückt! Meine Diagonale 2012

„J’AI SURVÉCU“ – „Ich habe es überlebt“ steht auf dem T-Shirt und ich habe es, dieses Shirt.
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Der zugehörige Lauf nennt sich bei den Einheimischen auf La Reunion „Grand Raid“ oder auch Le Diagonale de Fous – Die Diagonale der Verrückten und es war ein total verrückter Lauf.
170km, 10600 Höhenmeter standen in der Ausschreibung. 9800 Höhenmeter gestehen sie uns auf dem Finisher-Shirt noch zu. Es war mein erster Lauf weit über 100km. Die Zahlen an sich sind angsteinflößend. Wem diese Zahlen wirklich Angst machen, der sollte Abstand von dem Lauf nehmen. Er gilt als einer der härtesten Trailläufe der Welt.
Mich haben sie beeindruckt.
Ich habe Berichte zu diesem Lauf gelesen. Die klangen schon irgendwie komisch, nicht vorstellbar, vielleicht auch einfach nur verrückt. Aber bei der Zugspitze letztes Jahr meinte ich doch begriffen zu haben, wie man so was langes laufen kann. Also ist sie doch nicht so unvorstellbar? Nein, doch nicht. Und was die anderen können, kann ich auch. Also wurde nach der Absage des UTMB im Frühjahr gebucht.
Über die Vorbereitung hatte ich schon reichlich geschrieben. Über die nackten Zahlen und wenige Infos während des Laufs stand einiges in einem Blog von Klada. Ein irrer Blog! Dnake Klada! (Anmerkung: Das war ein Blog bei Jogmap. Den gibt es leider nicht mehr im Netz)
Viele Fragen spukten mir vor dem Lauf im Kopf rum.
Wie läuft man gerade in der zweiten Nacht? (Start ist 22Uhr Ortszeit und mehr als zwei Nächte wollte ich nicht unterwegs sein) Schafft man es weiter hinten die laufbaren Passagen laufen zu können? Wie ist der Kopf in der Lage mit Unwegbarkeiten klar zu kommen?
Kann ich mich auch nach so vielen Stunden noch sicher im Gebirge bewegen? Erkennt man Grenzen und überschreitet sie nicht?
Wie reagiert der Magen auf diese Extrembelastung?
Machen die Knie und vor allem die Oberschnekel die vielen Bergabpassagen mit? Schafft man es ohne Krämpfe durch zu kommen?
Was für Klamotten braucht man wo? Umziehen, nicht umziehen?
Die Antworten, oder einen Teil davon sollte es geben – vom 18.10. um 18Uhr ab Cap Méchant bis irgendwann am 20.10. in Stade de Redoute in St. Dennis auf der Diagonale der Verrückten 2012 auf La Reunion.
Wir reisten bereits anderthalb Wochen vor dem Lauf an und besichtigten Teile der Strecke im Vorfeld. Das war genial! So hatten wir Ideen zu dieser Strecke. Ja, Teile der 170km sind laufbar. 😉 Gerade eine Idee für die letzten Abschnitte, die mit Sicherheit mental Härtesten zu haben, stellte sich als hervorragend heraus. Die Akklimatisierung kann sich als sinnvoll herausgestellt haben. Ich empfand das Klima von immer locker über 25°C durch den Wind als nie wirklich unangenehm – auch beim Laufen. Da stören mich in Deutschland 22°C manchmal mehr, als dort 28°C. Klingt komisch, ist aber so. Vielleicht auch, weil man ja auch sein Lauftempo anpaßt. So unterirdisch langsam wußte ich gar nicht laufen zu können. Nein, Blödsinn. Einen großen Einfluß hat bei uns Ottonormalläufern die Differenz von Brutto und Netto. Allein die reinen Pausenzeiten an den VPs addieren sich mächtig. Aber anständig essen schien mir bei diesem Lauf nun mal extrem wichtig.
Die letzten Tage vor dem Lauf wurde nur noch ein wenig gewandert. Eigentlich ist ja alles, wie bei der Zugspitze, nur etwas länger. Also muß das Tapern auch nicht viel anders aussehen. Aufregung vor dem Lauf kam aber irgendwie nicht auf. Klar drehten sich die Tage vorher viel, oder fast nur noch um den Lauf. Aber das war keine Wettkampfspannung. Mehr ein Erstellen und Abarbeiten einer imaginären Checkliste und ein mehr oder weniger starkes Addaptieren dieser Liste über der Zeit. An welchem VP darf man in keinem Fall vergessen die Trinkblase aufzufüllen? Nur einfach der Blick auf km zwischen den VPs kann da etwas daneben gehen. Wir planten im Schnitt mit 2h/10km und sollten die VP-Pausen nicht einbeziehend gar nicht so falsch liegen – jedenfalls in Teilen der Strecke. Für mich sind das etwas komische Zeiten. Aber auch hierfür waren die vielen Tage vorher auf der Insel gut. Diese notwendige Langsamkeit gewann Platz im Kopf.
Gerade im Flieger auf dem Rückflug sitzend, überlege ich, ob ein paar Tage im Anschluß nicht auch noch schön wären. Andererseits kann man die Schmerzen der Heilung und die Regeneration durchaus auch daheim ertragen. Jetzt noch auf der Insel zu sein, hieße nicht wandern gehen können. Das wäre wohl noch blöder. Dann lieber so.
Und dann war es Mittwoch, der 17.10. und Zeit die Startunterlagen abzuholen. Vorher packten wir noch unsere Beutel für Cilaos (km72) und Savannah (km136) in der Hoffnung wir müßten diese nicht mit zum Start nach Cap Méchant nehmen, sondern könnten diese bereits in St. Dennis abgeben. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllte. Andererseits war damit alles gepackt und somit anderthalb Tage vor dem Start alles ready to go, da natürlich gleichzeitig Laufrucksack und Wettkampfsachen bereitgelegt wurden. Sehr schick. Ziehmlich streßfrei. So blieb wieder etwas Zeit die besichtigte Strecke in JM zu dokumentieren und Aufschreiben festigt bekanntermaßen. Der eine oder andere Gedanke bezüglich des Laufs kam auch erst beim Aufschreiben. Hat doch auch was. Das Startunterlagen abholen war recht unspektakulär. Das eine oder andere würde ich beim Verteilen der Sachen der Sponsoren anders machen. Das Anstellen nach Startunterlagen, T-Shirt und Werberötel ging mir etwas auf den Zeiger. Letzteres muß man ja auch nicht und es gibt Schlimmeres. In jedem Fall kam so langsam etwas Wettkampfspannung auf.
Eine Nacht noch enspannt schlafen und dann war er da, dieser, jener, welcher Tag. Und lang wurde er. Vormittag doddale Entspannung, anständig Mittagfuttern, Mittagsschlaf, Kaffee trinken und gegen 15Uhr starteten wir zum Bus der uns auf die andere Seite der Insel von La Possession aus zum Start nach Cap Méchant bei St. Phillipe bringen sollte. Der fuhr dann an einer anderen Haltestelle und etwa ne Viertelstunde später, aber auch das ging alles ziehmlich locker und streßfrei ab. Entspannung doddal. Wird noch lustig genug.
Unser Bus startete in La Possession und in den Orten auf dem Weg sammelten wir immer mehr Leute mit dem gleichen Ziel ein. Bei den Verabschiedungen lief mir dann erstmals ein Schauer über den Rücken. Ist es die Situation? Ist es das, was man hinein interpretiert? Wir hatten alle Großes vor. Es war diese positive Stimmung, die Spannung des Aufbruchs, die Gänsehaut verursachte. Die Fahrt dauert fast ewig. Wir hielten hier und da und dort, stauten uns wie erwaret von St. Joseph Richtung Cap Méchant und kamen trotz allem – wahrscheinlich auch so geplant – knapp 2h vor Start in Cap Méchant an.
Die Rucksackkontrolle inkl. des Zugangs zum Stadion war dann wieder wenig deutsch, aber wir waren ja auch in Frankreich und der diesbezügliche französische Charme gepaart mit südseeländischer Ruhe ergibt eine sehr spezielle Mischung. Der deutschen Mentalität könnte das Wort entspanntes, organisiertes Chaos entspringen. Aber das ist wirklich zu klein gedacht. Ein sehr spezieller Charme halt. Im Stadion gab‘s noch mal was zu futtern, die Beutel für Cilaos und Savannah mußten abgegeben werden und plötzlich waren es nur noch 30min bis Start. Ich wollte weit nach vorn. Bei etwa km 20 geht es in einen sehr schmalen und steilen Pfad, auf dem Überholen nicht wirklich möglich ist. Dort soll es dann immer wieder weiter hinten Staus geben. Hihi. Ich denke wir waren am Ende des ersten Drittels vom Starterfeld. OK, dann ist das so.
Jetzt wurde die Lampe aus dem Rucksack geholt, kontrolliert wo Mütze, Handschuhe, Jacke und Windhose waren. Es war längst dunkel. Der Himmel war wie die letzten beiden Tage auf der anderen Seite der Insel auch stark bewölkt. Geregnet hatte es im Norden trotz dieser Bewölkung nie. Warum sollte sich das also jetzt ändern? Kalt war es nicht. Angenehme 25°C. Die Minuten vergingen – natürlich in Ruhe. Ich war ruhig. Eine konzentrierte, kontrollierte (?) innere Ruhe vor dem was kommen sollte. Ich war vorbereitet. Der Rest würde sich ergeben und meist eh anders als gedacht.
Noch 10min bis Start. Garmin an. Zeit den Rucksack völlig ruhig ein letztes Mal zu kontrollieren. Aufstehen. Rucksack auf. Lampe auf. Kabel zum Rucksack einfädeln. Lampencheck, OK. Garmin sucht Satelliten. Noch fünf Minuten. Track auf der Uhr starten. Natürlich weiß der Garmin nicht, ob wir richtig sind. Hat ja noch keinen Satelitten. Zum Glück weiß ich es aber. Und zum Glück wissen die vor mir den Weg. So kann ich auch loslaufen, sollte der Garmin nicht fündig werden. Aber fünf Minuten suchte der noch nie. Warum also heute. Noch zwei Minuten. Die Favoriten werden vorgestellt, Jokes gemacht. Julia Böttcher läuft ja auch mit. Letztes Jahr an der Zugspitze überholte sie uns km 5 und ich sie km75. Dieses Jahr werde ich sie eher nicht sehen. Die Uhr sucht immer noch. Egal, die Aufzeichnung ist eh mehr für die Statistik.
Und dann ist er da, der spannende Moment. Die Uhr läuft auf 22Uhr. 10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1, Start!
Jetzt gilt es!
Das wollte ich, also soll es nun auch sein?
Warum?
Was soll diese blöde Fragerei?
Weil ich das kann!
Die Massen strömen aus dem Stadionausgang. Schieben, drängeln, schubbsen, eng, so wie in älteren Berichten gelesen? Bei uns war da nix. Aber da war auch schon ein ganzer Schwung raus. Es geht nach vorn. Der Startbogen. Uhr an, langsam loslaufen. 20, 30 oder 50m, dann scharf rechts auf die Straße und nun erst mal weit geradeaus. Ich trabe mit dem Strom mit. Ich schaue auf die Uhr. Pace etwa 5er Schnitt. Alle die hier laufen haben das Gleiche vor. Alle wollen 170km laufen. Um mich rum auch einige Frauen. Wissen die hier alle, was sie tun? Ich bremse mich ein. Die Leute um mich sind so schnell wie ich oder schneller. Wie viele um mich rum haben hier wohl eine HM-Bestzeit um 1:45h? PBs werden bekanntlich im Flachen erzielt. Aha. Dann ist das eben so. Von mir aus. Für mich ist Tempo locker, kein Problem. Schneller mag ich nur aus Respekt des noch kommenden nicht. Bis zu dem engen Pfad hoch zum Vulkan sind es ja 20km. Das wird noch.
Was schwer beeindruckt sind die Leute am Straßenrand. Es ist nach 22Uhr und hier scheinen deutlich mehr Leute am Rand zu stehen, als die Ortschaften an Einwohnern hergeben kann und es ist Volksfest! Einfach irre diese Stimmung. „Bon courage!“ hallt es immer wieder. Gänsehaut. Der Gedanke worauf ich mich hier wohl eingelassen habe, wird sofort beiseite geschoben. Der ist nicht zielführend.
Wie komme ich nach St. Dennis? 170km am Stück laufen sind für mich zu abstrakt, immer noch nicht vorstellbar – auch nachdem ich sie gelaufen bin. Die km erschrecken also nicht. Sie sind als eine Einheit schlicht nicht vorhanden. Ich habe diese km für mich zwar als unvorstellbar, aber eben beherrschbar eingestuft. Viele machen das hier jedes Jahr. Also kann ich das auch. Auch wenn ich es nicht erfassen kann oder vielleicht auch nur nicht will.
Folglich wird der Weg das Ziel!
Egal was kommt. Nicht dran denken wie weit oder wie lange noch.
Tempo raus!
Ich pendele mich zwischen 5:10 und 5:30min/km ein. Schneller als gewollt, aber langsamer, als alle anderen um mich. Egal. Die Abrechnung wird in St. Dennis gemacht. Mal sehen, wer dann noch alles vor mir ist.
Die ersten km auf der Asphaltstraße sind geprägt vom in sich hineinhören dass alles OK ist, dem Aufsaugen der Stimmung und dem Unverständnis wie so viele Leute vor mir so viel Blödsinn machen können. Zu mal das ja nun nicht alles Greenhörner auf einer langen Laufdistanz sein sollten. Ein langer Zug an Läufern war vor mir, eine langezogene Lichterkette. Der Anfang der Lichterkette außer Sicht. Ein klitzekleines bisschen schob ich schon Panik im ersten Anstieg hängen zu bleiben und nicht vorwärts zu kommen. Andererseits bliebe dann noch genug Zeit die gesparte Kraft in laufbaren Passagen hinten einzusetzen.
Bei km2 hatte es angefangen zu regen. Es war warm, also kein Problem. Hoffentlich hört es bald wieder auf. In den Bergen die Sturzbäche brauchen wir grad nicht. Ich hatte mein langes T-Shirt in einer Tüte. Somit konnte ich weiter oben auf etwas Trockenes zurückgreifen. Hose war aber bis Cilaos nur eine Kurze an Bord. Mit der würde ich oben nix anfangen können. Auf dem Vulkan wird es später kalt werden. Wir werden sehen.
Die Straße führt geradeaus. Wir biegen nun links in einen Wirtschaftsweg ein. Das muß irgendwas um km5 sein. Es geht leicht (!) bergan. Ich könnte laut losbrüllen: ‚Ihr Idioten da vorne!‘ Viele um mich gehen nun – aber nicht schnell. Entweder in dem Tempo mitgehen, oder kraftraubend überholen. Wieso mußten diese Vollpfosten alle so schnell losheizen? Wenn jeder in angemessenem Tempo losläuft wäre es doch so einfach. Aber was rege ich mich auf? Wie hies der Lauf doch noch mal? Diagonale des Fous! Genau! Also, was erwarte ich?
Die nächsten 4-5km bin ich am Überholen. Das Tempo ist gleichmäßig. Nicht zu schnell. Bloß keine Energie sinnlos verballern. Die erste Kontrollstelle kommt. Chip einlesen, Kontrolle der Übereinstimmung zur Startnummer und weiter. Der Weg wird besser. Es ist einfacher sein Tempo zu gehen und doch schneller als andere zu sein. Ich komme langsam in den Lauf. Im Nachhinein ist es fast sinnvoller zwischen km5 und dem ersten Kontrollposten nicht wirklich zu überholen, sondenr dies dann ab da bis km21 zu tun. Der Weg ist da besser geeignet und es Zeit genug bis zu dem Anstieg. Nur, diese Ruhe hat man wohl erst im Alter…
Irgendwann wurde der Regen weniger. Es hörte auf. Hoffnung schöpfen. Alles wird gut. Nicht lange hin finge es wieder an, diesmal umso heftiger vielleicht hätte ich mir doch noch ne Goretexjacke zulegen sollen. Für den UTMB dann ganz sicher. Hier war die wasserabweisende, winddichte Jacke i.O. Erster VP bei km11. Chipcheck, Startnummerkontrolle und weiter. Das Wasser in der Blase reicht bis km21. Es wird ruhiger. Ich habe Leute in meinem Tempo gefunden. Ab jetzt kein Streß mehr. Einfach nur Laufen. Ein wenig schaue ich schon mal auf die Markierungen – auch wenn man diese hier noch nicht braucht. Das wird im Dunklen, wie im Hellen gut erkennbar sein. Ich hab ja eh den Track auf der Garmin, aber egal. Verlaufen sollte nicht das Thema sein – war es auch die gesamte Strecke über nicht.
Wir kommen langsam höher. Der Wind nimmt zu. Noch ist es nicht kalt im kurzärmligen Laufshirt trotz Regen. Der Wind wird dies aber Stück für Stück ändern. Also doch schon mal das trockene lange Shirt raus und Jacke an. Im Rucksack ist nun nur noch das nasse, kurze Shirt und Schluß. Das muß so bis Cilaos reichen. Wird es auch! Zum einen wird es ja eh bald aufhören zu Regnen und zum anderen wird es nicht so kalt bei bedecktem Himmel und Regen ist weiter unten auch kein Problem – von den Temperaturen her. Nur den Vulkan muß ich überstehen.
VP21. Ab jetzt beginnt der Grand Raid. Jetzt geht es steil bergan. Ich war gespannt auf den Trail. Als anstrengend und teilweise schwierig wurde er in Berichten beschrieben. Jetzt kurz verschnaufen, Essen, Trinken, Wasser fassen und dann erst weiter.
Futter war gut! Bagette mit Käse oder Schinken. Daraus wurde Bagette mit Käse und Schinken. Lecker! Weiter gab es Rosinen, Riegel, Schokolade, Bananen, Kekse. Mehr habe ich mir nicht gemerkt. Gab es dort Suppe? Egal. Die Suppe sollte auf jeden Fall über die nächsten vielen Stunden den Körper am Arbeiten halten.
Die Getränkeauswahl war einfach. Wasser oder Cola. In die Trinkblase kam Wasser. Cola wollte ich hier in keinem Fall schon nehmen. Die Verweildauer war ausreichend, aber kurz. Gut Präpariert ging es in den Trail. Auch hier standen wieder Leute ohne Ende machten richtig Stimmung. Klasse!
Schwer gespannt war ich nun auf diesen Streckenabschnitt. Was würde kommen? Was kam waren knapp 1400Höhenmeter auf 6km auf einem steil ansteigenden Pfad. Technisch schwierig war da aber nichts. Der Pfad war schmal und an einigen Stellen waren die Tritte wirklich Kniehoch und höher. Aber das hier ja auch nicht der Berlin-Marathon für den manche Leute reichlich 2h brauchen. Zügig, aber nicht zu schnell stiegen wir in einer langen Schlange an Läufern nach oben. Ein paar unbelehrbare mußten unbedingt überholen und Kraft verballern. Ich hätte mir die Startnummern merken sollen. Wäre interessant, ob und wann die in St. Dennis ankamen. Am Rand saßen nun immer wieder mal erschöpfte Läufer, pumpten wie die Maikäfer und verschnauften. Hätte ich das nicht bereits in Berichten gelesen, ich hätte riesige Fragezeichen im Kopf gehabt. So langsam wurde die Vegetation weniger, der Wind griff immer mal wieder zu. Aber noch war es nicht zu kalt. Es ging. Mittlerweile hatte ich meine Windhose angezogen. Der komplette Schutz gegen kalten Wind war gut. Während es im Anstieg aufgehört hatte zu regnen, fing es nun oben wieder an. Wie lange würde das so gehen? Wie werden die Wege sich entwickeln? Ist es noch weit? 😉
Nächster VP (km29 Foc Foc/crête de l’Enclos). Ich hatte Hunger und sehnte mich schon nach den leckeren Baguettes. Leider Fehlanzeige. Auch warme Suppe gab es nicht. Dafür aber warmen Tee. Der wurde recht langsam auf Anfrage ausgeschenkt. Kam mir vor wie wenn es Goldstaub gäbe. Zwei Becher wärmten etwas auf und bevor ich weiter auskühlte ging es fix weiter. Der nächste VP ist nicht weit und die Höhenmeter hatten wir auch erst mal im Sack.
Jetzt ging es entspannt zügig laufend auf einem breiteren Pfad in der Ebene entlang. Einfach langsam laufen lassen, erholen vom Anstieg, Kraft sparen. Es lief.
Ein Läufer fragte mich nach meiner Lampe. Wieviel Lumen sie hätte und wie lange das Akku bei Leuchtkraft halten würde. Ich meinte, nur die mittlere Stufe eingestellt zu haben und mit dem Akku über beide Nächte kommen zu wollen. Volle Leuchtkraft sind 170Lumen und das Akku hat 11Ah. Am Ende des Laufes war es noch zu 20% voll und ich hatte ein kleines Reserveakku mit 1,7Ah ja auch noch anbei. In dem Nebel oben auf dem Vulkan zeigte sich die Entscheidung als goldrichtig sehr viel Geld für dieses Spielzeug ausgegeben zu haben. Wir unterhielten uns in Englisch. Das ging gut. Dann fragte er wo ich her käme. Auf meine Antwort kam: „Na dann können wir ja auch in Deutsch weiter reden.“ ;-)) Sehr schön. Hier starten 18 Deutsche unter 2.752 Leuten und wir treffen uns auf der Strecke. Er ist auf LaReunion geboren und sehr früh schon nach Deutschland. Aber da sein Vater dort lebt, kennt er natürlich die Diagonale. Einmal mußte er aussteigen. So meinte er man müsse bis zum Mafat zwar Kräfte sparen, aber laufen, da im Mafat ein Laufen quasi nicht mehr möglich ist. Die km macht man vorher. Er war gut drauf und ich lies ihn ziehen. Gerade sah ich, dass ich in Cilaos wenige Minuten vor ihm rein bin. Im Anstieg Richtung Piton de Neiges (zum km65) muß ich ihn überholt haben. Schade, nicht mitbekommen. In Cilaos müssen wir uns fast auf den Füßen gestanden haben. Nächste Zwischenzeit in Marla war er jedenfalls 2h nach mir. Aber auch er ist in St. Dennis angekommen!
Normalerweise ist die Strecke vom Vulkan an, also ab etwa km29 bis km52 sehr gut laufbar. Das stimmt. Nur, ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnte. Es regnete. Es regnete seit etwa 22:10Uhr mehr oder weniger stark fast ohne Unterbrechung. Weiterhin sei zu erwähnen, dass die Strecke von den ersten 20km abgesehen bis Ortseingang Cilaos ausschließlich aus Pfaden bestand. Kein Wirtschaftsweg, keine Straße – doch! Mal ein km kurz vor km52. 😉 Bei der Streckenbesichtigung meinte Andreas noch so: „Nur regnen sollte es nicht.“ Wir lachten darüber bei strahlendem Sonnenschein.
Die Wege waren ausgesprochen lustig zu laufen. Teils lief man doch noch von Stein zu Stein. Davon sind wirklich reichlich auf den Wegen. Teilweise lief man an den Wiesenrändern. Öfter blieb aber gar keine andere Chance, als mitten durch den Schlamm zu laufen. Oft hatte ich Glück und hatte einen vor mir, der dann in die knöcheltiefen Stellen rannte und ich konnte so woanders hintreten – immer in der Hoffnung nicht ganz so tief zu versinken. Die10 oder 15km vor km 52,4 (Mare à Boue) durch Matsch und Schlamm und aufgeweichte Wiesen zogen nicht nur Kraft, sondern auch Moral. Irgendwann seit dem Vulkan entwickelten sich Blasen. Goretexschuhe wäre sicherlich gut. Aber irgendwann wäre es auch da oben reingelaufen. Heilfroh war ich von Andreas zum Geburtstag noch Gamaschen geschenkt bekommen zu haben. Die waren Gold wert. Wer weiß wieviel Dreck sonst noch da in den Schuhen gelandet wäre.
Etwa bei km50 kamen wir auf ein kurzes Stück Asphaltstraße und sehr, sehr viele gingen hier, konnten sich offensichtlich nicht zum Laufen motivieren. Ich lief. Langsam, aber ich lief. Den nächsten Streckenabschnitt kannte ich ja. Am VP wollte ich mindestens ne Viertelstunde pausieren und dann frisch gestärkt den Anstieg in Richtung Piton de Neiges angehen. (Man läuft nicht zum Piton de Neiges hinauf, sondern biegt in einem Sattel (Caverne Dufour) dann nach Cilaos nach unten in den Cirque de Mafate ab.)
Am VP km52,4 angekommen war ich platt. Richtig platt und ich hatte keine Vorstellung wie ich die nächsten 120km noch absolvieren sollte – wirklich keine Idee. Also Ruhe bewahren, ne Suppe, noch ne Suppe, Sitzen, den Beinen Ruhe gönnen und Futtern und trinken und bloß nicht an das Kommende denken. Der nächste Step war der Anstieg nach Caverne Dufour – nix anderes. Ich weiß nicht wie lange ich da saß, aber da steht doch in der Tat Andreas vor mir. Wie geil ist das denn?! Ich schnappte mir noch ne Suppe, wir quatschten kurz und er meinte keine Vorstellung zu haben, wie wir die restlichen km noch Laufen könnten. Na dann. Willkommen im Klub!
Ich war mittlerweile wieder einigermaßen i.O. und Andreas ist hochzu eh nicht ganz so schnell wie ich. Also machte ich mich los. Wir würden uns schon noch wieder sehen. Nach Cilaos geht es weit nach unten. Da bin ich eine Schnecke gegen ihn.
Erst mal ging der Weg weiter wie gehabt. Schlamm und aufgeweichte Wiesen. Dann kam aber Abwechslung ins Spiel. Es ging ja hoch. Und es regnete. Und das Wasser fließt bekanntlich von oben nach unten. Und der noch vor Tagen besichtigte trockene Knüppelpfad war nun mal Schlamm (zwischen den Knüppeln), mal schlichtweg ein kleiner Bach. Die Schuhe wurden also wieder sauber. Naß waren die Füße eh schon seit dem Anstieg zum Vulkan, also irgendwas nach km20, aber nun wurden sie abwechselnd eingesaut und gewässert. Einzig, im Anstieg störten die Blasen nicht. Hoch konnte ich gut gehen. So überholte ich wieder einige Leute. Es lief wieder sehr gut. Die Pause war goldrichtig. Leute, die aus dem VP raus sind, als ich reinkam passierte ich einiges vor dem nächsten VP bei km64,7. Auch hier machte ich wieder ausreichend Pause und sammelte Kraft für den langen und gefürchteten Abstieg. Sehr steil und teilweise sehr schwierig sein. OK, steil war er. Immerhin ging es auf 5km 1100Hm runter. Aber technisch schwierig war er gar nicht. Die Tritte waren teilweise wieder kniehoch. Das schlaucht natürlich. Wenn man da runterhämmert und das nicht gewöhnt ist, kann man sich dort schon ordentlich die Knie ruinieren. Ich lies mir Zeit. Vielleicht sollte ich sagen ‚Ich mußte mir Zeit lassen.‘ Jetzt machten sich die Blasen so richtig schön bemerkbar. Jeder Schritt tat weh. Ein Auftritt auf einen scharfen Stein an der falschen Stelle löste leichtes Stöhnen aus. Zum Glück war ich allein. Zum Glück stehen in Cilaos frische Schuhe und trockene Socken und zum Glück gibt es dort einen Med-Punkt mit Fußversorgung. Beim Blick auf die Route map hatte ich über die Fußversorgung noch gelächelt. Ich hatte noch nie im Wettkampf ein größeres Problem mit Blasen. Und wenn, dann wurde durchgelaufen. Zähne zusammenbeißen und durch. Hier kamen aber noch 100km und für die würde ich noch mindestens 20h benötigen!
Am schlimmsten beim Ablaufen waren die Blasen unter beiden Fußballen. Geil wenn man da auf ne Kante trat. Die letzten drei km nach Cilaos rein lief man Asphaltstraße bergab – Hölle! Es ging bergab und ich ging. Laufen war unmöglich. Ich spürte wie sich bei jedem Schritt an der Hacke die Blasen vergrößerten. Und es gab keine Alternative. Es sollte einfach nur aufhören. Ja, da hatte ich nen Rock an! 😉
Ich denke ich mußte nicht erwähnen, dass es regnete. Erwähnenswert ist allerdings, dass die Schleusentore kurz vor Ankunft am VP Cilaos noch einmal ganz weit geöffnet wurden. Es schüttete wie aus Kannen. Nicht dass das irgendetwas änderte. Naß war ich vorher auch schon. Nur jetzt tropfte wirklich alles. 😉 Ich wrang die Handschuhe und die Mütze aus. Irre, was da für Wasser rauskam. Vielleicht 400m vor dem VP klopfte mir dann noch jemand von hinten auf die Schulter, Andreas. Geil! Ich ging, er lief, holte schon mal unsere beiden Beutel.
Wir trafen uns im Trockenen beim Essen, suchten uns eine ruhige Ecke und zogen erst mal die komplett durchgeweichten Lumpen aus. Mit trockenen Sachen machte ich mich auf den Rückweg zum Stadioneingang zur Fußversorgung. Schuhe aus. Socken aus. Schadensanalyse. Die Füße waren komplett aufgeweicht. An den Ballen waren gar keine großen Blasen, nur kleine. Dafür aber schöne Druckstellen. Die Hacke war mit einer umfänglichen Feuchtbereifung umschlossen. An den Zehen war leichter Kollateralschaden.
Das Mädel am Med-Punkt machte wirklich nen guten Job. Die Blasen wurden mit einer Spritze mehrfach aufgestochen und ausgedrückt, um dann Desinfektionslösung einzuspritzen. Das ganze wurde getapt und fertig. Mittlerweile lag ich ne halbe Stunde in trockenen Sachen bei Sonnenschein mit immer noch schmerzenden Füßen. Andreas hatte sich schon wieder verabschiedet. Auf dem Weg zurück zum Essen schmerzten die Füße aber doch noch so, dass ich mir nicht vorstellen konnte weitere 100km mit diesen Blasen zu absolvieren. Schon der Ritt nach Cilaos runter war die Hölle und Abstiege kamen noch genug!
Muß ich das haben?
Die trockenen Klamotten waren schon toll. Die trockenen Schuhe auch. Die Schmerzen ließen langsam nach. Es ging mir wieder besser.
Wie lange würde ich in dem Zustand bis St. Dennis benötigen? 25h, 30h? es waren noch 100km! Noch nicht einmal die Hälfte! Noch nicht einmal die Hälfte an Höhenmetern!
Wie lange dauert es bis Klamotten, Schuhe, Socken wieder durch sind?
Jetzt ist es doch gerade angenehm. Wieso schon wieder den Scheiß von vorhin? Wieso diesen Scheiß und dann noch mal länger, als bisher schon? Wozu jetzt weiterlaufen, wenn ich doch eh nicht bis St. Dennis komme? Brauche ich das? Dann doch besser gleich Schluß.
Hier kann mich Silke mit dem Auto abholen. Sie wird begeistert sein diese Straße hier hoch fahren zu müssen. Das ist für sie die Hölle. Aber der nächste Ausstieg ist erst wieder bei km121 in Maido – 50 weitere km und mindestens 12h, sicherlich eher mehr.
Nein, das brauche ich nicht! Wenn schon nicht bis St. Dennis kommen, dann wenigstens jetzt aufhören. 30h laufen und dann aufhören müssen ist viel dämlicher, als nach 15h dem Schrecken ein Ende bereiten.
Ich rief Silke an und die Mädels machten sich auf den Weg.
Jetzt wollte ich erst mal was Essen und dann in Ruhe vor zur Zeitnahme gehen, mich abmelden.
Es gab Suppe und dann Reis und Huhn. Irgendwie hatte ich keinen Hunger. Die Läufer die reinkamen und aßen sahen geschafft aus. Aber aus den meisten Gesichtern sprach Optimismus. Es war gerade erst 15:30Uhr. Für viele war das sicher eine gute Zeit jetzt schon in Cilaos zu sein.
Und was mache ich? Ich höre auf!

😉