Einlaufen, um anzukommen

Pfingstsamstag, 6:45Uhr, ein Parkplatz mitten im Wald im Sauerland, Nähe Winterberg und es ist ein übelstes Gewusel hier.  Die Ruhrquelle ist wenige Meter weg von hier. Gerade so schaffen wir es noch das Auto auf dem Parkplatz zu platzieren.

Ein Haufen etwas schräger Typen ist hier unterwegs. Es ist quasi mitten in der Nacht für dieses lange Wochenende. Aber hier ist alles putzmunter. Lachen und Scherze hallen durch den Wald.

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Mir ist kalt. Ich verziehe mich ins Auto. Draußen basteln Andreas und Silke das Fahrrad einsatzbereit. Der Radträger wird im Auto verstaut. Ich ziehe mich wärmer an. Lange Hose, langes Shirt, noch ne Jacke, Handschuhe. Ich habe keine Lust Energie fürs Aufwärmen zu verballern. Die brauch ich noch.

Abwohl noch reichlich eine Stunde, sie vergeht nicht und doch vergeht sie wie im Flug. Liebe, bekannte Gesichter trifft man. Wiederholungstäter. Ja, man sollte wissen worauf man sich hier einläßt. 230km sind schon ne Ecke. Ok, es ist flach. Da rechne ich nicht mit 2h/10km wie in den Bergen. Trotzdem ist das weit. Kein Selbstläufer. Auf so vielen km kann so viel passieren…

Kurz nach 8:00Uhr. Jens schickt reichlich 80 Leutchen auf den Weg. Das Ziel ist bei allen das selbe – auf geht’s zur Mündung, auf geht’s zum Rheinorange!

Schön entspannt zog ich los. Das Dembo war definiert. Es war nicht so schwer es einzuhalten. Lediglich die Quasselei mit Lars und Markus und anderen führte hier und da mal dazu, dass eine etwas zu schnelle Pace auf der Uhr stand. Ich korrigierte nach und somit war das Einrollen im absolut dunkelgrünen Bereich. Die von mir angedachte Pace von 5:45-6:00 erschien mir schon recht fix für diese Distanz. Umso erstaunter nahm ich zur Kenntnis, dass da einige doch recht schnell aus dem Sichtfeld nach vorn entschwunden. Macht mal. Paßt. Sehen wir uns nicht wieder, war alles richtig.

Mein Ziel ist, einen guten Lauf hinzulegen! Ich wollte mir mein Dembo so einteilen, dass ich es lange durchlaufen kann. Wenn das klappt, ist mir egal wer vor mir am Rheinorange anschlägt. Er hat es sich dann verdient. Erst einmal ankommen! Das ist mein Ziel.

Die ersten km gehen einfach so vorbei. Andreas reicht mir irgendwann die Wasserflasche. Stimmt. Besprochen war mindestens jede volle und halbe Stunde soll ich trinken. Der auf dem Radl sollte drauf achten. Kiki schrieb das bei der Tortour vor zwei Jahren, dass Kaw da nie dran gedacht hat und irgendwann auch nicht mehr wollte. Deshalb gab ich die Order aus. Funktioniert. Ich hätte nicht dran gedacht. Beim Futter sieht es genauso aus. Mit dem Radl ist Kartoffelsuppe an Bord. Die wird mich über die Strecke bringen. Etwa alle Stunde soll es was zu Futtern geben. Auch das hat der Radler im Blick. Ich laufe. Noch vor dem ersten VP löse ich mich von Markus, Jens und Lars. Ich brauche meine Ruhe, muß reinkommen in den Lauf. Erste Kartoffelsuppe futtern. Nicht erst warten, bis Hunger kommt, präventiv vorher futtern. Der Magen muß leicht beschäftigt sein, darf nicht erst zumachen. Das wäre fatal.

VP km24 (oder so). Alles völlig im grünen Bereich. Ich habe meinen Rhythmus gefunden. Es läuft.Der VP ist 1A bestückt. Nein, ich nehme mir nicht weiter Zeit. Aber dann doch. Ich greife mir irgend ein süßes Gebäck futtere das in Ruhe und weiter geht es. Rhythmus wiederfinden. Weiter.

Nächster VP ist um km50. Ich melde mich kurz an und laufe gleich weiter.Klada muß Wasser und Suppe neu bestücken. Es dauert, bis er ran ist. Mittlerweile bin ich aus dem Ort, bis er kommt. Egal. Der Weg ist gut beschildert. Paßt.

Der Kopf nimmt die km noch gar nicht wirklich wahr. Irgendwann schaue ich auf die Uhr und wundere mich, dass ich schon 6h unterwegs bin, reichlich 60km weg sind. Ist schon komisch. km82 oder 88 ist der Start der 100Meiler. Tanja und Detlef stehen hier. Auch andere bekannte Gesichter treffe ich. Geil. Schuhwechsel, frische Socken an, Happen Couscous futtern, Trinken, essen auffüllen und weiter geht es mit Andreas. Die Führenden haben einen Vorsprung um eine halbe Stunde. Kein Problem. Das Rennen hat ja noch gar nicht begonnen.

Die Wegfindung hat sich mittlerweile auch ohne Navi eingespielt. Es geht auf km 100 zu. Vom Zeitplan her bin ich voll im Soll. Mit 9:55h passieren wir die 100km – also jedenfalls die, die meine Garmin anzeigt. Neue Bestzeit. 😉 Und das, ohne mich wirklich dafür angestrengt zu haben. Auf den nächsten 50km schätze ich an nächsten vor mir ranzulaufen. Wer zu schnell für seine Verhältnisse an dem Tag los ist, wird spätestens jetzt langsam nachkorrigieren müssen. Jan treffe ich kurz vor VP102 und da ich dort kurz Stop mache auch danach noch einmal. Er läuft nicht viel langsamer, als ich, aber doch etwas. Ihm fehlen Trainings-km. Erfahrung mit dieser Distanz hat er allemal. 240km in einem 24h-Lauf. Er weiß genau, was er tut.

Es wird Abend. die km rinnen undefiniert dahin. Von einem 24h Läufer hatte ich gelesen, dass er sich die 24 in vier Abschnitte einteilt. die ersten 6h sind eingrooven, die nächsten 6h plätschern so dahin, dann geginnt es Arbeit zu werden und die letzten 6h sind unendlich lang und vergehen nicht. Ich war noch in den zweiten 6h unterwegs. Alles i.O.

Am VP102 erzählte Silke, dass nicht weit vor mir gerade erst ein paar raus sind. Bis km130 war ich vorbei. VP130 wurde es auch dunkel. Auf der Garmin standen bereits 136km, als wir dort ankamen – und wir haben uns nicht verlaufen! Egal. Wir waren immer auf dem Ruhrtalradweg. Insofern hatten alle den selben Weg wie ich. Am VP noch einmal kurz besprochen was aufgefüllt werden muß. Ich biege rechts in den VP ab und bitte noch die Stirnlampe rauszuholen. Im VP ist es warm. Aber leer ist es. Anders, als Tanja es später erleben wird. Ich futtere kurz etwas Kartoffelpüree,trinke nen warmen Tee und weiter geht es. Silke und Andreas waren derweil mit dem Suchen der Stirnlampe beschäftigt: „Ist in der Kiste.“ und schwupps habe ich sie und laufe weiter. Es dauert, bis Andreas wieder ran ist…

Christoph und Peter überhole ich irgendwo bei km140. Jetzt sind noch Jan und Olli vor mir. Eigentlich ist es egal, aber mit irgendwas muß man sich ja beschäftigen. km147 ist die Fährumgehung. die Fähre macht erst gegen 9uhr auf. Nein, es ist deutlich früher. Das macht keinen Sinn dort zu warten. Kurz vor der Fährumgehung laufe ich auch das zweite mal an Jan heran. Immerhin 40km dauerte das, bis wir uns erneut trafen. Aber so ist das nun mal. Jeder läuft seinen Stiefel. Man begegnet sich, oder auch nicht. Man läuft ein Stück gemeinsam, oder stundenlang quasi im selben Abstand zueinander die selbe Strecke. Nicht schlimm. Eher im Gegenteil. Gesprächig bin ich eh schon ne Weile nicht mehr. Andreas und ich sind da ein gutes Team. Viele km sind wir schon schweigend zusammengelaufen und doch war das einfach völlig normal. Man muß nichts sagen und versteht sich doch. Regelmäßig reicht mir Andreas die Wasserflasche. Ans Futter denke ich meist selbst.

Wir sind erneut an der Fähre. Die Umgehung ist durch. Bald muß der VP154, Kemenader See kommen. Die Navigation ist mittlerweile absolute Routine. Kurz nach km100 ging der Track mal etwas ab des Ruhrradwegs. Wir liefen den Ruhrradweg und damit einen kleinen Umweg im Vergleich zum Track. Egal. Wir liefen den Radweg!

Der Wegweiser des Radwegs Schickt uns links über eine schmale Brücke. Es ist die xte Querung der Ruhr. Andreas stutz und meint der Track geht geradeaus und nicht über die Ruhr. Hmm. Wieder ne Abkürzung? Ich entscheide „Wir laufen den Radweg!“ Auch Jan hinter mir läuft ohne Track. Er wird hier auch abbiegen. Es ist irgendwas nach 12Uhr, mitten in der Nacht. Keine Menschenseele.

Sind wir falsch? Wir laufen ein Stück zurück. Nein, hier ist der Radweg. Das ist die richtige Strecke! Und wann kommt der VP?

Der Ort ist schnell passiert. Wir sind irgendwo am See, an einer Autobahn, es ist finster. Andreas telefoniert mit Silke und Klada. Die stehen am VP. Klada kennt sich aus. Und doch weiß er aus der Beschreibung von Andreas nicht, wo wir sind. Wir laufen den Radweg weiter.

Aber wo sind wir?

Wo ist der VP?

Wann kommen wir wieder auf den Track?

Ich werde unruhig. Andreas ist es längst. Das einzig beruhigende ist, dass wir definitiv immer wieder die Schilder des Ruhrradwegs sehen. Wir müssen richtig sein!

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Ein Gedanke zu “Einlaufen, um anzukommen

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