I – Eine etwas größere Runde – mein TOR-2017

Es ist Mittwoch, der 13.09.2017. Der Tag neigt sich dem Ende. Die Nacht zieht auf. Ich bin gerade erst vor vielleicht einer halben Stunde an der letzten Live base des Tor des Geants losgestiefelt. Noch irgendwas um 50km liegen noch vor mir. Wie viele km es genau sind, ist mir ziemlich egal. Ich kenne den Rest der Strecke vom letzten Mal noch recht genau, km habe ich dazu nicht im Kopf. Es geht hoch zum Col Champillon. Vorher kommt noch das Refugio Champillon. Unten am Berg hatte mich letztes Mal Andreas losgeschickt. Im Refugio bin ich da nur rein zum Melden und gleich wieder raus und weiter. Der Wirt hatte mich damals völlig unverständlich angeschaut. Damals war es Donnerstagmittag. 9:46h benötigte ich für diesen letzten Sektor 2014. Das würde diesmal nichts werden. Dafür habe ich mir über die letzten Sektoren ab Donas einfach zu wenig Ruhe, zu wenig Entlastung gegönnt. Natürlich bin ich nie komplett ans Limit gegangen. Aber so viel Luft nach oben blieb selten.

Jetzt brach die Nacht an. Ich hatte die Stirnlampe schon in Ollemont aufgesetzt. Würde ich eingermaßen durchkommen sollten keine 100h vergehen bis ich wieder in Courmayeur ankomme. Am Anfang des Laufes fragte mich jemand was ich für eine Zeit plane. „Laß mich darüber in Ollemont nachdenken. Jetzt habe ich dazu gerade so gar keine Ahnung.“ Ich war Ollemont durch. Ja, jetzt gingen die Gedanken dahin – und doch war der Weg noch viel zu weit, um ernsthaft eine Zielzeit anvisieren zu können.

Gleichmäßig zog ich dem Refugio entgegen. Mit der Nacht kam die Müdigkeit wieder. Mist! Der Plan war in Oyace, also einen VP vor Ollemont noch einmal eine Stunde zu schlafen und dann bis Courmayeur durchlaufen zu können. An dem Plan war der Haken. Im Leben wird das nichts. Mit Mühe konnte ich nur die Augen aufhalten. Bis ins Refugio müßte ich es schaffen! ‚Reiß dich zusammen!‘ Immer wieder ertappte ich mich dabei wie mir kurz die Augen zufielen. Weiter hoch gehen war komischerweise nicht das Problem. Das ging. Nur wenn die Augen zufallen, besteht halt die Gefahr, dass man vom Weg abkommt. 😉 Vielleicht im Hochgebirge jetzt nicht ganz so optimal. An einer windstillen Stelle im Wald setzte ich mich kurz und schließe kurz die Augen. Laß es 10min gewesen sein. Die nächsten Meter, Minuten, die nächste halbe Stunde geht wieder besser. Gut ist anders. Aber ich muß ja auch nur das Refugio erreichen. Der Weg, er zieht sich. Die Baumgrenze kommt endlich. Warum habe ich nicht wie letztes Mal in Valtournanche, der Livebase vor dem sechsten Sektor länger geschlafen? 2014 hat das doch bestens funktioniert! Dieses Jahr lief es einfach gut und auch die anderen um mich herum schlafen nur so kurz. Das kann also nicht falsch sein – dachte ich. Das muß ich doch auch können. Hmm. Die Gedanken bei der Schlafplanänderung von 3-4h auf 1h dort waren wohl nicht so der Bringer. Ja klar, rutsche ich immer weiter vor in der Gesamtwertung. Und doch war das jetzt einfach Mist! Oben tauchten Lichter auf. Das muß es doch sein, das Refugio. Der Wind pfiff hier oben langsam ordentlich. Wenigstens das lenkte ab. Auch wenn die blöden Lichter gefühlt nicht näher kamen, war ich doch dann irgendwann da.
Anders als 2014 kam ich diesmal in die Hütte und die erste Ansage war, dass ich eine halbe Stunde schlafen wolle. Es ging nach hinten ins Refugio und ich hatte einen Raum mit drei oder vier Doppelstockbetten für mich allein – Luxus pur, wie andere Leute weiter hinten feststellen dürften. Rucksack ab, Jacke aus, Schuhe aus, liegen, Decke drüber und weg war ich. Zwischendrin wurde ich immer mal kurz wach. Die Beine waren doch etwas unruhig für einen durchgehenden Tiefschlaf. Nach ner halben Stunde ging die Tür auf … Halbe Stunde Nachschlag. Bis Saint Rhemy Bosses sind ein paar km und es ginge dorthin komplett durch die Nacht. Die Sonne würde erst später aufgehen. Das gilt es zu überleben. Eine Stunde Schlaf klingt da besser.
Auch diese halbe Stunde ging um. Hoch, anziehen, vorn im Gastraum was Essen, Wasser auffüllen und es ging wieder raus. Gut war der Schlaf. Entspannt ging es hoch zum Col Champillon und auch auf der anderen Seite wieder runter. Runterwärts griff der Wind wieder ordentlich zu. Selbst die Regenhose hatte ich als Schutz gegen die Kälte an. Das ging. Nein, gefroren habe ich nicht. Eingepackt war ich. Selbst ein langes Shirt über die Nacht hatte ich an. Das mache ich sonst nie. Auch der Buff um den Hals ist ungewöhnlich und diesen gleich noch über die Nase zu ziehen, um wärmere Luft einzuatmen Das mache ich ja nicht einmal im tiefsten Winter. Vielleicht liegt es daran, dass diese Kälte nun schon die vierte Nacht vorherrscht, der Körper langsam angegriffen ist. Wie auch immer. So geht es besser. Lieber so warm anziehen, dass man nicht unnötig zum Aufwärmen Energie verschwenden muß. Die wird für den Vortrieb recht nötig gebraucht. Das heißt natürlich nicht zu warm anziehen. Auch das ist klar! Trotz der Dunkelheit erinnere ich mich an den Weg und Episoden aus 2014. Im Abstieg lief ich auf einen Läufer auf, der mit mir etwa in Ollemont los war. Ollemont. Das heißt es ist fast geschafft. Wer da ankommt, erreicht auch Courmayeur – keine Frage. Nun ja. Er humpelte sehr komisch im Abstieg, mehr ein Hüpfen auf einem Bein. Als ich ihn erreichte, sah ich das Problem. Er muß sehr blöd gestürzt sein. Jedenfalls war ein Bein leicht verdreht. Wie er sich überhaupt fortbewegte, war mir nicht ganz klar. Das mußte Hölle schmerzen. Ich fragte, ob ich helfen könne. Außer Hilfe holen, nicht. Wo der nächste VP kam, wußten wir beide nicht. Ich bat ihn einfach sich hinzusetzen und zu warten. 2014 war ich dort am Tag und die Sonne schien. Hilfe würde kommen – nur wann kann ich nicht versprechen! Der nächste VP, die nächsten Menschen waren dann zum Glück etwas weiter unten, keinen km weg. Das hole ich mir immer wieder vor Augen, wenn es heißt – „Der Lauf ist gelaufen, das Ziel wird erreicht“. Nach 295km war es für ihn gelaufen, Courmayeur zu Fuß allerdings nicht mehr erreichbar.
Nach dem VP ging es dann auf diese endlose lange Forststraße nach Saint Rhemy-Bosses. Letztes Mal bin ich die bis auf wenige etwas steilere, kurze Anstiege gelaufen. Mit einem anderen Läufer ging ich diesmal aus dem VP und lief anfangs auch. Aber heute war der Kopf irgendwie nicht stark genug. Die Beine hätten es wahrscheinlich gekonnt. Der Kopf ließ es nicht zu. Janz sachte ging es hoch. Nein, ich konnte, ich wollte es nicht laufen. Ich ging und selbst das war ätzend. Da gehe ich über 3300m hohe Berge, renne sie wieder runter und den nächsten hoch und wieder und wieder, stolpere über Steinfelder und nun schleppe ich mich auf einer fünf Meter breiten, janz glatten und mehr oder weniger topfebenen Forststraße entlang, Flasche leer und habe keine Ahnung wann ich bei dieser Geschwindigkeit Saint Rhemy-Bosses erreichen werde? Diese 10, 12km läuft man im Training in ner Stunde weg und fertig – keine Rede Wert. Und hier erleide ich völligen Schiffbruch. Diese Dunkelheit, die Kälte frißt mich auf. Ich sehne die Sonne herbei und weiß doch, dass das noch dauern wird. Egal wie langsam ich ginge, ich würde Saint Rhemy-Bosses in der Dunkelheit erreichen. Ich war fertig, war durch. Die Müdigkeit zog schon wieder alle Energie aus mir. An einem kleinen Abzweig ging ich fünf Meter in den Seitenweg, setzte mich und lehnte mich an einen Baum, Stirnlampe aus und Augen zu. Nach vielleicht 10min ging es weiter. Jedenfalls fielen die Augen jetzt nicht mehr zu. Laufen ging immer noch nur wenig. Unten sah ich den Ort und wußte doch noch eine Schleife drehen zu müssen. Auch der Forstweg endete, auch Saint-Rhemy-Bosses erreichte ich. Am VP angekommen, ging ist fest davon aus, allein zu sein. Doch wer saß da am VP? Der Italiener von vorhin. So lange wie ich gebraucht hatte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, er wäre noch da. Wir schauten uns an. Ich muß sehr erstaunt geschaut haben. Er zeigte in Richtung Forststraße und machte dann mit dem Zeigefinger nur die Geste, wie wenn die Gurgel durchgeschnitten wird. Ich nickte ernst und dann mußten wir lachen.
Es gab es Pasta. Das sollte mich wieder aktivieren. Er aß ebenfalls Pasta, wollte aber dann schlafen. Ich hatte ja gerade erst ein Nickerchen gemacht. Das müsse bis Sonnenaufgang reichen und dann muß die Sonne neue Energie beisteuern. Nein, ich wolle nicht noch einmal schlafen. So weit ist es nicht mehr! Und bis Frasatti ist es gleich gar nicht mehr weit, nicht technisch schwierig und nicht soo hoch zu laufen. Das muß gehen!
Die Pasta half, also Rucksack auf und los. Weit kam ich allerdings nicht und wieder zogen die kleinen Männlein an den Augenlidern. Was ist das nur für ein Mist! Schon wieder die gleiche Aktion wie gerade erst hoch zum Rifugio Champillon? 2014 bin ich ab Valtournenche, also den sechsten und siebten Sektor am Stück durchgelaufen und jetzt schon drei nötige Powernaps, um überhaupt weiter zu kommen und zwei Mal eine Stunde Schlaf. Dieser Stundenschlaf ist wohl nichts für mich. Ich brauche unbedingt noch mal etwas Ruhe, um da oben anzukommen. Es fing gerade an zu regnen. Vorn kommt eine Brücke unter der der Weg entlang geht. Dort setzte ich mich hin und machte das nächste Nickerchen. Wie lange das dauerte, war mir völlig wumpe. Ich muß einigermaßen anständig da oben ankommen. Um nichts anderes ging es gerade. Wieder munter ging es weiter. Dass ich im Tran meine Wasserflaschen am VP vergessen hatte aufzufüllen, war wohl nur eine logische Folge. Die waren komplett leer. OK, es war kalt genug. Da benötigt man weniger Wasser. Aber das heißt ja nicht gleich nichts. Weiter oben kommen Hütten. Vielleicht ist da eine Tränke, wo auch Wasser aus nem Hahn kam. Für Wasser aus nem Bach waren wir klar zu niedrig, zu viel landwirtschaftliche Wiesen… Jup, ich hatte Glück, konnte Wasser auffüllen.
Ich erreichte die Wirtschaft Merdeux und nach dem Anstieg dann auch endlich das Refugio Frasatti. Wie viele Extrameter ich ging, weil immer wieder die Augen zufielen, möchte ich nicht wissen.

Nein, so darf dieser Lauf nicht zu Ende gehen…

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2 Gedanken zu “I – Eine etwas größere Runde – mein TOR-2017

  1. Das ist richtig großes Laufkino! Ich weiß ja schon, wie es ausgegangen ist, finde es aber wunderbar, so nah dabei sein zu dürfen. Vielen Dank dafür, und natürlich ganz herzlichen Glückwunsch zum grandiosen Finish, von dem mich jetzt aber natürlich auch noch die näheren Umstände interessieren… Liebe Grüße von yazi

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  2. Und ich bin froh, dass ich weiß, dass es gut ausgegangen ist. Was haben wir am Computer mitgelitten, aber das war gar nichts im Vergleich, was du da durchgezogen hast. Und dann hing der Liveticker… Grundgütiger, das nächste Mal schläfst du, hörst du?

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