IV Die letzten 21km – mein TOR2017

km317,4 – Rifugio Frasatti. Die letzten Stunden waren noch mal richtig anstrengend. Der (selbst organisierte) Schlafmangel hinterläßt bei mir deutliche Spuren.
9:02Uhr treffe ich in Frasatti ein. Wollte ich unter 100h bleiben, hätte ich noch 5h für die letzten 21km Zeit. Aber wie würde ich da unten ankommen ohne Schlaf. Ich bin doch hochzu zum Rifugio schon mehrfach fast im Gehen eingeschlafen. Wollte ich so auf 2.900m aufsteigen? Der Weg ist nicht schwierig. Auch wenn da oben eine Seilpassage ist, hält sich die Schwierigkeit in Grenzen. Man sollte konzentriert sein. Dort wird das gehen. Da bin ich mir sicher. Aber auf den einfachen Wegstücken?

Und selbst wenn ich so da hoch und wieder runter komme. Will ich das so? Will ich weitere solche Stunden? Will ich mir noch einmal in der Pampa ne Mütze Schlaf holen müssen?

Nein! Es reicht.

Ich betrat die Hütte und wußte, dass ich das nicht will! Ich wußte, dass mir Platzierungen und Zeit gerade völlig egal waren. Ich wollte in Courmayeur mit Anstand und einem Lächeln ankommen!

Dafür war der bisherige Lauf einfach viel zu gut! Ohne Stunde Schlaf wird jetzt nicht weiter gemacht. Auf den Hütten darf man maximal 2h schlafen – also kam ich in die Hütte mit der Ansage nach 2h Schlaf. Man kann das mit ner halben Stunde oder Stunde einmal probieren und zur Überprüfung auch ein zweites Mal. Aber man macht so einen Fehler doch nicht ein drittes Mal. Zwei Stunden!
Wieder hatte ich einen ganzen Schlafsaal für mich allein. Auch jetzt war ich ruckzuck eingeschlafen und bis auf das kurze Hochschrecken aufgrund leicht unruhiger Beine schlief ich durch. Ich wurde wach, fühlte mich einfach super und beschloß wieder loszuziehen. Ich hatte gerade die Schuhe wieder an, da kam einer von der Orga mich zu wecken. Das nenne ich mal timing. Diesmal muß das mit den 2h gepaßt haben.
Draußen regnete es. 10min Powernap wären da sicher richtig gut gekommen. Alles richtig gemacht. Kalt war es mit Sicherheit auch. Ich zog ein langes, etwas dickeres Shirt anstelle des kurzärmligen an. Im Gastraum fragte ich, ob ich noch janz schnell etwas futtern dürfe bevor ich los mache. Jup, war OK. Die letzte Packung Babyfutter wurde verputzt. Dann zog ich mich an. Sollte ich auch! Die Zeit war um. Regenjacke an, Regenhose an. Hoch war aufgrund des Wetters ausdrücklich nur mit Regenhose erlaubt. Etwas ärgerte ich mich die Regensocken in Ollemont aus dem Rucksack genommen zu haben. Es war Donnerstagvormittag und schlechtes Wetter war erst ab Freitag angesagt worden. Stimmt. Schlechtes Wetter. Es war nur kalt und Regen. Also alles gut. 😉
Satt und ausgeschlafen startete ich. Weit und breit war kein Läufer zu sehen – weder vor noch hinter mir. War eh egal. Nach 2h Schlaf und die 100h weg muß man auch auf den letzten 21km nicht mehr am Rad drehen.
In aller Ruhe da hoch. Und dann einfach locker und entspannt und mit nem fetten Grinsen runter und dann geht das schon.
Heutemorgen war meine Lütte ab Berlin via Genf und Chamonix auf dem Weg nach Courmayeur. Sie meinte nicht vor 14Uhr im Ort zu sein, da sie mit dem Linienbus durch den Tunnel müsse. Das bekomme ich locker hin so spät erst da zu sein. Da ist keine Eile für nötig.
Trotz allem ging ich zügig hoch zum Col Malatra. Bummeln muß man ja jetzt auch nicht. Ich war allein mit mir und meinem Lauf. Ich kenne diese Bilder, wenn die Leute nach x Tagen TOR da oben auf dem Col Malatra stehen und ihre Freude einfach so hinausschreien. 2014 war ich allein im Dunkeln da oben. Dieses Jahr würde es allein im Hellen sein. Ist OK. Ist nicht schlimm. Ist wie auf vielen, vielen vorangegangenen km seit ich Courmayeur verlassen habe. Das Ziel ist Courmayeur, nicht der Col Malatra.
Oben angekommen wurden meine Erwartungen nicht enttäuscht. D.h., hinter dem Col war eine Biwakschachtel mit einem drinnen. Der beobachtete sicher auch die Leute, wie sie ins Tal kämen oder kann helfen, so hier einer komplett im Eimer ist. War bei mir alles nicht nötig. Mir ging es gut. Gut? Perfekt! Der Schlaf war super! Etwas Wasser bat ich ihn mir zu geben. In Frasatti hatte ich vergessen aufzufüllen und beide Flaschen waren mittlerweile leer. Kein Problem. Einmal halb voll reicht.
Kurz vor dem Col, am Beginn der Seilsicherung hatte ich bereits die Stöcke verpackt und kurz nach dem Col ging der Blick auf den nach unten führenden Trail. Der Weg ging leicht abfallend, eine sehr schöne, für mich gut laufbare Neigung. Es war zwar nass, aber ich hatte die Kraft in den Beinen dies auszugleichen. Schalk! Jetzt wird gerannt. Es ist zwar noch ein Stück, aber ab jetzt kannst du Gas geben. Es gibt keinen Grund mehr für irgendeine Handbremse. Wenige 100m später überlege ich doch einfach mal einen Blick auf die Uhr zu werfen. Letztmalig hatte ich dies vor dem Rifugio Frasatti getan. 11:26Uhr stand da. Bis 14:15Uhr hatte ich Zeit, um unter 100h zu bleiben. Ich wußte nicht genau wie weit es bis Bertone war, doch sah ich nicht unendlich weit entfernt schon mal das Rifugio Bonatti. Wir würden das Rifugio nicht anlaufen, sondern weiter oben über einen kleinen Sattel nach Links ins nächste Seitental und von dort auf die Traverse Bertone-Bonatti abbiegen. ab da wüßte ich ziemlich genau was kommen würde. Bonatti-Bertone waren 10km, bis Courmayeur dann noch mal 4. Laß es in Summe 17km sein.
Dembo hatte ich aufgenommen und parallel zum schauen nach dem besten Weg ratterten die Zeiten im Kopf. 2:45h bis Courmayeur. Das ist eigentlich nicht zu schaffen. Das ist hier keine Straße und ich bin schon den einen oder anderen hügligen Halbmarathon in den letzten 4 Tagen gelaufen. Courmayeur ist zu weit zum denken. Bertone. Ab Bertone bin ich schon in 42min runter. Das war beim TOR2014. 14:15Uhr war dead line in Courmayeur. Also muß ich bis 13:30Uhr in Bertone sein, vielleicht 13:35Uhr. Das war ab jetzt die Marke. Nicht weit und ich hatte in Regenjacke und -Hose mehr als nur Betriebstemperatur erreicht. Ich bin auf dem Weg nach unten. Ich werde jetzt Gas geben. Also kurzer Stop und beides aus. Noch einen Stop will ich nicht. Jacke und Hose rein in den Rucksack und weiter. Energie! Gel! Genug habe ich anbei. Auffüllen, bevor danach gerufen wird. Etwas Wasser hinterher.
Der Weg blieb leicht abschüssig und gut laufbar. Nur selten mußte ich aus dem Lauf abbremsen, um in technischeren Passagen oder an nassen Stellen kein Risiko einzugehen. Es machte einen heiden Spaß! Weiter unten kam eine weitere Biwakschachtel. Ich drehte meine Startnummer hin, winkte und flog weiter auf dem Trail. Einer kam aus der windgeschützten Behausung. Ich rief kurz, dass alles OK wäre und war auch schon weg. Links geht es bald hoch. Doch wo waren die Fähnchen? Beim schauen nach den richtigen Aufsprungplätzen hatte ich den Abzweig verpaßt. Ging wohl auch leicht offroad. Egal. Erst hin zu den Fahnen und dann immer diesen nach. es ging hoch. Also leicht rausnehmen. Aber viel war das nicht. Schnell war ich oben. Gespannt war ich, wie der Weg auf der anderen Seite des Sattels aussehen würde. Doch der war genauso gut wie gerade eben. Regelmäßig ging der Blick auf die Uhr, rechnete ich wie lange ich noch bis Bertone benötigen dürfe. Ein Track lief nicht auf der Uhr. So wußte ich auch nicht wie schnell ich war und erst recht nicht wie weit es noch in km war. Vor mir sah ich das Tal. Im Übergang dürfte der Abzweig nach Links Richtung Bertone kommen. Das war das nächste Ziel, dem flog ich entgegen. Reichliche halbe Stunde weg. Nächste schnelle Energie. Das Tal kam näher. Es wurde flacher. Vorn sehe ich Kühe. Nicht jetzt hier auf dem Weg! Nicht den Weg zerlatschen und damit langsam machen! Doch, natürlich waren die auf dem Weg. Der war herrlich matschig. Aber neben dem Weg können die Kühe im Gras stehen. Dann darf ich da auch laufen. Auf Sicherheit bedacht und doch so schnell wie es ging, zog ich vorbei.
Ich sah schon den Querweg von Bonatti nach Bertone. Noch ein Stück Wiese runter und ich war auf diesem Trail. Es war 13:00Uhr. Ich hatte auf der Uhr keinen Track mitlaufen. Jetzt startete ich die Uhr. Ab jetzt wußte ich wo ich war. Es ging in Richtung Bertone erst noch leicht abwärts. km hatte ich nicht im Kopf, aber von Bonatti aus geht es erst leicht tendenziell runter, dann hügelig und dann wieder leicht hoch. Dann erst ist man in Bertone. Da wir noch runterzu und noch nicht im Hügligen waren, hatte ich noch einige Meter. 35min waren noch Zeit. das Gefühl sagte mir, dass das nie etwas werden kann. Das war zu weit! Aber erst wenn man raus nimmt oder stehen bleibt, hat man aufgegeben!
Trotzt der schnellen km vom Col Malatra runter waren die Beine wirklich herrlich locker. Ich freute mich nen Kullerkeks dieses Dembo jetzt hier so laufen zu können, laufen zu dürfen. Ist das nicht ein Privileg? Das hier war ein so krasser Gegensatz zu den vielen Stunden ab Ollemont bis Frasatti. Das war einfach so der Hammer, dass in mir die Freude förmlich überschwappte. Wanderer kommen mir entgegen. So sie mich nicht sahen, rief ich von weitem, flog vorbei und bedankte mich kurz. Viele Wanderer blieben aber stehen, machten den Weg frei, klatschten. Es war schnell, es war schön und doch lief die Zeit unerbittlich. Die km hatte ich nicht im Blick. Die Anzeige auf der Uhr war auf die Uhrzeit gestellt und nur das interessierte. Immer wieder ging der Blick nicht nur auf die nächsten Tritte, sondern auch nach vorn. Ich scannte die Strecke soweit ab, wie ich sehen konnte und versuchte dies mit meiner Erinnerung abzugleichen, wann es endlich in den leichten Anstieg nach Bertone gehen würde. Eine Alpe. Mist. Das dauert noch. 13:22Uhr. Noch sind ja auch ein paar Minuten Zeit. 12, 15min?
Ich überhole noch einmal einen Italiener. Wie oft haben wir uns die letzten Tage auf dem Track gesehen! Nein, es wäre unmöglich ihm zuzurufen, dass die 100h noch drin sind. Er wird sie nicht mehr schaffen. Irgendetwas aufbauendes rufe ich ihm zu und bin vorbei.
Und dann geht es endlich sachte ansteigend. Yes! Am Ende wird Bertone kommen. Doch auch das ist noch ein Stück. 2014 bin ich schon mal so einen Lauf hier gelaufen. Da war es dunkel, ich war auf dem Weg Richtung Sub110h und hatte keine Ahnung zum Weg, bin in dem leichten Hoch hier fast verzweifelt. Da war ich diesmal klar im Vorteil. Heute kenne ich den Weg. Hab ihn mir schließlich vor anderthalb Wochen beim UTMB genauer angesehen. 2014 hatte es gereicht. Ob es allerdings heute reichen würde, bezweifelte ich mit jedem Meter, den ich lief mehr. Die Zeit rann dahin und ich sah nach jeder Biegung immer noch nicht den finalen leichten Anstieg. Steileres ging ich. Ich überlegte zu rennen. Doch der Verstand meinte, dass ein Ausschießen hier jetzt auch blöd wäre. Wurde es wieder flacher, wurde gerannt.
Nächste Biegung. 13:25Uhr, 13:30Uhr, nichts. Die Hütte kam und kam nicht in Sicht. Es ist der selbe Dreck wie 2014. Da setzte ich mir die Deadline für Bertone auf 23:00Uhr und sah 22:58Uhr noch nix. 23Uhr stand ich dann davor. Ok, man sieht die Hütte auch aus Richtung Bonatti kommend erst kurz bevor man tatsächlich vor ihr steht. Den Wegweiser vielleicht 500m vorher sieht man als erstes. Ich glaube, dass da dann Bertone 10min dran steht.
13:33Uhr. Noch 42min bis runter. Das wird nichts! Doch halt. Bin ich die 42min nicht im Dunkeln runter und waren die Beine da zwar auch gut, aber nicht ganz so locker wie jetzt? Da geht vielleicht doch noch was! Die nächste Biegung muß es dann aber auch langsam mal sein!
13:35Uhr. Da vorne kommt sie! Ich sehe vorn den Wegweiser, der rechts runter zum Rifugio Bertone und weiter nach Courmayeur führt! YES! noch 40min. Da geht was. Ganz sicher geht da was. Muß!
13:37Uhr bin ich am Rifugio. Für die 5,5km auf der Traverse habe ich 35min gebraucht. Das sehe ich aber erst jetzt in der Auswertung. 6er Schnitt mit 3kg Rucksack nach 335km Alpenlauf klingt irgendwie ziemlich bescheuert.
Am Rifugio kommt das selbe Spiel wie an dem Biwak oben. Es kommt einer aus der Hütte Ich drehe die Startnummer in vollem Lauf zu ihm hin. „Uno, Quattro, Quattro, Quattro!“ rufe ich und höre noch ein „Bon courage!“ bevor ich wieder außer Hörweite im Abstieg bin. Jetzt rollte es richtig!

Noch 4 km.

Noch 800Hm.

Noch 38min!

Verlaufen ist jetzt auch nicht mehr. Den Weg kenne ich und die Abzweige weiter unten auch. Selbst wenn da keine Fahnen sind, finde ich den Weg. Hier ist es ruhiger als oben. Wanderer gibt es keine. Ein paar Supporter vom TOR gehen hoch, ein paar Spaziergänger runter. Ich habe meine Platz zum runterkacheln. Die Konzentration ist voll auf dem Weg. Bloß nicht hängenbleiben, bloß im Fluß bleiben. Dann rollte es auch. Wo ich kurz stoppen muß, benötige ich erst mal wieder drei, vier, fünf Schritte, um ins Dembo zu kommen und mit dem Erreichen des richtigen Rhytmus werden die Schritte wieder größer und das Dembo noch einmal schneller. Für die großen Schritte brauche ich eine Grundgeschwindigkeit, die erreicht sein muß. Energie hatte ich nachgefüllt. Jetzt hieß es das Heim laufen.
War ich mir oben in Bertone noch sehr, sehr unsicher ob es wirklich reichen würde und gab ich dort noch einmal richtig Gas, so wurde weiter unten mit jedem Meter die Gewißheit immer größer, dass es reicht. Es wurde flacher und ich hatte noch 20min bis 14:15Uhr, die Fahrstraße kam. Nein, das können jetzt unmöglich noch mehr als drei km sein, vielleicht zwei. Das reicht. Der Schlaf auf Frasatti hat sich gelohnt! Das war ein so furioser Endspurt. Das hat so einen heiden Spaß gemacht. Niemals mag ich mir vorstellen nicht dort oben geschlafen zu haben. ‚Hey, Schalk! So kaltschnäuzig muß man erst mal sein. 2h da oben pennen, dann so von da runterballern und dann doch noch die längst abgeschriebene sub100 knacken.‘ Der Hammer!
Der Ort kam. Es ging die lange Straße leicht abwärts. Im 5er Schnitt ging es die Straße runter. Immer gerade aus bis zur Kirche und dann rechts rum ins Ziel. 2014 hatte ich an einem Kreisel die Markierungen irgendwie nicht mehr gesehen, war die Hauptstraße runter gelaufen und hatte dann das Ziel gesucht, war von der falschen Seite ans Ziel gelaufen. Das würde mir diesmal nicht passieren! Ich kenne den Weg!
Im Ablaufen achte ich auch immer mal wieder auf die Fähnchen. Vorn sehe ich schon die Kirche. Da noch rum und da.
Unten auf dem Platz an der Kirche angekommen biege ich rechts ab. Doch da vorn sehe ich kein Ziel! Fragezeichen im Kopf. Der platzt vermutlich fast vor Endorphinen oder wie immer das Zeugs auch heißen mag. Ich stehe vermutlich wenige hundert Meter vom Ziel entfernt, sehe kein Fähnchen, weiß nicht wo es lang geht und sehe keinen Menschen den ich um 14:08Uhr am Nachmittag in Courmayeur fragen könnte, bin allein mitten in diesem kleinen Ort.
Nee! nicht schon wieder! Finale Wegfindung ist wohl nicht so mein Ding oder eine anständige finale Markierung nicht so ganz das des Veranstalters. 338km bekommen wir das hin und auf den letzten 600m das Scheitern? Ich habe noch Zeit, aber irgendwo muß doch dieses verdammte Ziel sein. Dass ich 2014 um 23:45Uhr keinen auf der Straße gefunden habe, den ich hätte fragen können, leuchtet mir ja noch ein. aber um kurz nach zwei am Nachmittag? Wo sind diese dämlichen Fahnen?
Zwei Leute kommen aus der Richtung in der 2014 das das Ziel war und weisen mir den Weg in die andere Richtung der Flaniermeile von Courmayeur, also nach der Kirche links. So ganz überzeugt klang die Aussage nicht. So viele sind hier ja auch noch nicht lang und die Abstände sind groß. Langsam trabe ich an, suche Fahnen, suche Leute, die ich fragen kann. Hören vom Zielbereich höre ich noch nichts. Die nächsten weisen mir den Weg geradeaus. Ok, das muß es wohl sein. Fahnen sehe ich nicht. Aber wird schon stimmen. Dann sehe ich meine Lütte. Jup, ich bin richtig. Und jetzt geht es noch mal vorwärts auf die letzten Meter der offiziellen 338,6km!
Meinem Kind hat die Überraschung, dass ich doch schon kurz nach der Zwischenzeit in Bertone plötzlich vor ihr stehe eine Spiderapp eingebracht. Aber das ist grade nicht so schlimm. Das heilt der Papa später. Jetzt geht es auf die letzten Meter!

Es ist geschafft!

338,6km

30908 Höhenmeter +

99:48:13h. Das sind vier Tage, 3h 48min.

Eine Zeit, die lange möglich schien, dann weg war und plötzlich doch real ist.

Ein völlig irrer und doch genialer Abschluß.

Geschafft!

Ein schwerer, ein gigantischer TOR 2017!

Es ist schön Mürle in den Arm zu nehmen.

Floh ist da!

Daheim anrufen.

Es ist schön jetzt da zu sein, mit Mürle, Floh, anderen Läufern zu schnacken. Im Zielbereich mache ich mir noch einmal etwas Luft ob der tollen Ausschilderung ab dem vorletzten Kreisel. Später werde ich feststellen, dass der Weg oben etwas geändert wurde und ich fixiert auf den Weg zur Kirche den Abzweig nach rechts runter durch einen Park nicht gesehen habe.

Die Lütte wollte eigentlich erst zu Chalet das Auto holen, bevor sie zum Ziel kommt. Die Zeit war nicht wirklich. Ich überlege kurz, was noch an Klamotten im Dropbag ist und beschließe vor dem Kaltwerden ins Sportzentrum zu gehen und dort zu duschen. Duschsachen waren eh im Dropbag. Trockene Schuhe waren nicht drin, sondern nur die, die ich bis Donas bzw. ab Donas bis Valtournanche an hatte. Aber da kann ich ja die sauberen Gummisocken anziehen und die Füße bleiben sauber und trocken.

Duschen, was Essen im Ort. Gabriell treffen wir in der Foccaceria wieder. Er mußte leider aussteigen. 😦 Und doch wird es ein wunderbarer Nachmittag mit ihm und seiner Frau. Wir reden über vergangene Läufe, jeweils unseren TOR, Dinge, die er beim nächsten Mal anders machen kann, sein Dembo zu Beginn. Nein, nicht ich spreche es an. Aber ja, er weiß es. Nächstes Mal zu Beginn langsamer runter.

In der Foccaceria können wir erst mal das ganze Gepäck lassen und wandern gut gestärkt zum Chalet. Antje ist begeistert ob des Schlußanstieges zur Hütte. Ja, die ist TOR-erprobt. Hoch geht nach dem TOR perfekt, runter später auch irgendwie. Habe ich mich erst mal hingelegt? Ich weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall wird erst mal telefoniert, dann etwas zur Ruhe gekommen. Nach vier Tagen stetiger Konzentration, vier Tagen in einer anderen Welt ist das schwierig. Mit dem Auto geht es wieder in den Ort. Einkaufen, Klamotten holen, mit Gabriell und Frau noch ein Bierchen trinken, mit Floh und Kurt am Abend unseren TOR feiern!

Kurt ist kurz nach mir ins Ziel gekommen. Es war schön am Samstag mit ihm noch einmal die Läufe beim Schnacken zu durchleben.

Nach dem TOR ist wärend des TOR!

Iwi war noch im Rennen. Schon wärend des Laufes gab Floh immer mal Zwischenstände von Iwi auf. Am Donnerstag sind wir nicht mehr an die Strecke gefahren, aber noch in der Nacht verfolgte ich ihren Weg durch den sechsten Sektor. Klar war, dass wir sie ohne Wandern frühestens in Oyace würden treffen könnten. Gegen Mittag erwarteten wir sie dort. Klar, war auch sie geschafft. Aber so weit sah das alles noch wirklich gut aus. Jetzt konnten Mürle und ich moralisch unterstützen, fragen was noch benötigt wird. Wir schickten sie auf den Weg nach Ollemont und fuhren selbst retour nach Courmayeur das wenige benötigte/gewünschte zu organisieren. Stunden später standen wir in Ollemont wieder auf der Matte. Sehr lustig war, dass mir nach einstündiger Fahrt genau bei Ankunft auf dem Parkplatz am VP auffiel, dass wir die extra noch fix gekochte Kartoffelsuppe im Chalet hatten stehen lassen! Sehr dämlich. Aber das war nicht mehr zu ändern. Noch mal zurückfahren hieße 2h unterwegs sein. Da ist Iwi schon fast am Rifugio Champillon.

Es war schon interessant zu sehen, wie es einen Tag später in Ollemont am VP zuging. Mancher bewegte sich wirklich ziemlich am Limit.

Xavi lernte ich hier kennen. Er war viel um und mit Iwi unterwegs, fragte, ob seine Zeitplanung für den Rest realistisch wäre. Schön säuberlich hatte er sich auf das Höhenprofil für jeden Abschnitt die angedachte Stundenzahl geschrieben. Fast 24h Stunden stehen da für den Sektor sieben. Ja, das sollte gehen. Iwi, Xavi und die anderen hier waren schon einen ganzen Tag länger als ich unterwegs und würden auch noch mal knapp einen ganzen Tag bis Courmayeur brauchen. Das war schon schwer vorstellbar. Noch einmal 48h länger auf dem Track, puh! Einen riesen Respekt vor dieser Leistung! Iwi legte sich in Ollemont zumindest noch eine halbe Stunde hin. Wir „überwachten“ das, weckten sie rechtzeitig vor dem cutoff und schickten sie in die nächste, die letzte Nacht auf dem Track. In Ollemont blieb uns nicht mehr viel zu tun. Es ging wieder gen Courmayeur.

So ganz war ich noch nicht im normalen Schlafmodus gelandet. Dadurch konnte ich Iwis Weg noch bis weit in die Nacht verfolgen. Nach 3Uhr wußte ich, dass sie mit dem Cutoff keine Probleme mehr haben sollte. Dafür war sie da schon zu dicht an Saint-Rhemy Bosses.

IMG_1479Samstag empfingen wir sie dann glücklich in Courmayeur. Auch Anke trafen wir noch bei ihrem Zieleinlauf quasi auf der Zielgeraden. Damit war die drei deutschen Finisher des TOR2017 zusammen. Anke erzählte übrigens auf der Rückfahrt ganz nebenbei, dass sie bis auf einmal jeden TOR  finishte, immer vorher den UTMB lief und das eine Mal „nur“ deshalb nicht ankam, weil der UTMB in dem Jahr sehr hart und herausfordernd war. Das hatte zu viel Kraft im Vorfeld gekostet. Genau. Und dann komme ich freue mich nen Kullerkeks erstmals beides gemacht zu haben. 😂 Da wird man zum Ultrababy, das gerade laufen lernt. Also immer schön den Ball flach halten.

Roberto traf ich erst am Samstag als wir im Zielbereich auf Iwi warteten. Ich hatte in der Ergebnisliste gesucht und keinen Roberto gefunden, der im Ziel angekommen ist. Das tat mir so leid! Doch dann erzählte er von seinem Finish am Freitag! Yes! Doch geschafft! Ich freute mich so mit ihm und seinen Leuten!

IMG_1487

YES! Zwei glückliche Finisher des TOR2017

Diese Tage auch nach der Zielankunft in Courmayeur waren auch noch einmal wunderschön. Man konnte relaxen, mit anderen deren Erfolg feiern, sich gemeinsam mit anderen freuen über seinen Lauf. Einfach herrlich und wunderschön, dass Mürle da mit bei war!

Zweieinhalb Wochen nach meiner Abreise daheim trafen wir Montagnacht gegen Drei wieder daheim ein.

Es war auch schön wieder da zu sein und Silke in die Arme schließen zu können. Danke, dass ich das alles so machen kann!

😉

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2 Gedanken zu “IV Die letzten 21km – mein TOR2017

  1. *Schnief* – ist das schön! Schalk, Du bist unglaublich! Jetzt heule ich hier vor lauter Ergriffenheit in meinen Frühstückskaffee. Du kannst nicht nur unfassbar toll laufen, sondern auch noch so drüber schreiben, dass die Leserin ganz nah dabei sein darf. Vielen, vielen Dank dafür, das ist etwas ganz besonderes.

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