TGC 2016 – Im Hellen ankommen?

04.03.2016. Es ist 22:45Uhr. Wir sitzen im Eingangsbereich eines kleinen Restaurants in Agaete. Agaete liegt im Norden der Insel Gran Canaria. Es ist windig. Gut, eine Querstraße weg vom Meer ist das jetzt nicht so erstaunlich. Allzu kalt ist es nicht. Wir sitzen imagewindgeschützt. Dadurch merkt man einfach nur die normale Temperatur. Die ist OK. Wie die gefühlte Temperatur weiter oben in den Bergen sein wird, sehen wir dann einfach später. Es wird gehen. So zeitig im Jahr ist es so nah am Äquator doch recht angenehm. Vielleicht ist auch das der Grund warum so viele Trailläufer den Weg hierher finden. Für manche ist es vielleicht der Abschluß einer guten Wintersaison? Für mich ist es der Start in ein hoffentlich fulminantes Frühjahr!

Langsam wird es wohl Zeit den Platz zu räumen. 23Uhr ist schließlich Start zu diesem Lauf über die Insel. Die Nacht hindurch werden wir aufsteigen in die grüne Wildnis des Nordens der Insel. Hier soll es immer etwas kälter, nasser und deshalb grüner sein, als im Süden. Windig und kalt. Ja, das habe ich vergangenes Jahr bereits feststellen können. Nass mag sein. Das brauche ich heute nicht. Und grün? Hmm. Stimmt, das standen viele Bäume. Aber um ehrlich zu sein, habe ich mir das im vergangenen Jahr im Kegel der Stirnlampe nicht so genau angesehen. Ich fürchte, in diesem Jahr wird das nicht viel anders aussehen. Die ersten Stunden ist man noch frisch. Da geht es zügig vorwärts. Man läuft oft noch im Pulk auf schmalen Trails. Da ist es einfach sinnvoll Wurzeln oder Steine zu sehen, statt wie Hans guck in die Luft die Landschaft zu genießen. Zum einen kann das weh tun. Zum anderen findet das der hinter einem vermutlich nicht so spannend und zum Dritten ist der Lichtkegel der Lampe auch irgendwie begrenzt. Vielleicht schaue ich mir die Gegend doch noch einmal bei Tag an.

Auf der Straße empfängt uns angenehme Kühle. Für mich sind allerdings die dreiviertellange Hose und das dünne, langärmlige, recht winddichte Laufshirt völlig ausreichend. Andere stehen kurz/kurz da. Nein, das wäre mir zu kalt. Windjacke brauche ich aber auch nicht. Weiter oben wird der Wind zwar zugreifen. Aber es geht schon nach wenigen hundert Metern bergan und das wird über 10km so bleiben. Da wird einem warm! Wir gehen langsam los. Nach 30m biegen wir rechts ab und stehen quasi am Startbogen. Nun heißt es sich durch die schmale Gasse zur Mole schieben. Alles kein Problem. Die Zuschauer machen Platz und so schlängeln wir uns die nächsten 40, 50m vorwärts. Es geht die Mole entlang nach hinten in den Startblock. Viele Läufer stehen schon da. Letztes Jahr war es kein Problem im Block dann wieder eine ganze Ecke nach vorn zu kommen.

23:52Uhr. Wir entern den Startblock. So mag ich das. Immer mit der Ruhe und doch nicht Stunden vorher da schon rumstehen oder sitzen. Direkt am Eingang höre ich wie Ordner in Englisch (!) rufen: „Less than 20hour right, others left!“ Ups. Stimmt. Bei der Anmeldung war ein Haken zu setzen für sub18h oder sub20h. Ich hatte keine Ahnung wofür das stand, vermutete Statistik. Nun war es klar. Die Verabschiedung von Jan und Tanja ging extrem schnell. Ich schnappte mir Andreas und wiederum in einer schmalen Gasse ging es an vielen, vielen wartenden Läufern weit nach vorn. Geil! – und richtig! Bis in den schmalen Trail ist es nicht weit und wenn man erst einmal dort ist, sollte man sich seine Kraft für später sparen. Da wo man sich dort einsortiert, bleibt man für die nächsten 9km – mehr oder weniger. Nur ab und an kommen Abschnitte in denen man nebeneinander gehen, also überholen kann. Die Frage ist dann nur wie groß der Geschwindigkeitsunterschied ist und wie weit man sich damit nach vorn arbeiten kann – mal ganz zu schweigen vom zu investierenden Kraftaufwand deutlich schneller als andere um einen herum hoch zu kommen. So ein „Stop“ and Go braucht kein Mensch und schon gar nicht auf diesem anspruchsvollen Trail.

22:57Uhr. Wir stehen im Startblock, direkt am Wasser. Der Blick geht nach vorn. Da stehen immer noch eine ganze Menge Leute. Wer von denen ist am Ende auch noch vor mir? Letztes Jahr war ich nach 22h im Ziel. Da waren einen Menge Leute vor mir. Aber das ist ja ein schnelles Rennen. Wie würde ich über die Nacht kommen? Wie würde ich mit der Versorgung klar kommen? Wie komme ich dann auch noch die Berge wieder runter? Davon hängt dann doch ab, wie viele am Ende noch vor mir sind. Es werden genug sein. Aber das war noch nie wirklich wichtig. Einen guten Lauf wollte ich abliefern. Dafür hatte ich mich vorbereitet. Dafür stand ich jetzt hier. Gleich würde es los gehen.

Neben uns steht ein Holländer. Sein erstes so langes Rennen. Er hat sich auch die 20h Stunden vorgenommen, fragt, ob wir das schon gelaufen wären. Nein, sub20h ist eine Idee. Vielleicht geht sie auf. Aber das Trainingsgelände ist für uns ja gleich. Also schauen wir mal. Naja, also er trainierte in der Schweiz. Berge sollten also ganz gut gehen. Ok! Na dann! Im Ort sah ich noch, wie er an mir vorbei weiter nach vorn lief. Danach habe ich ihn nicht wieder gesehen. Erst jetzt beim Blick auf die Ergebnisliste fällt mir auf, dass von den acht gestarteten Holländern zwei unter 20h waren. Der erste mit 17:27h muß sein Kumpel gewesen sein. Der hatte 17h auf dem Plan. OK, da lag er mit der Prognose nicht so weit daneben. 😉 Der zweite könnte er gewesen sein.

22:59Uhr. Andreas und ich verabschieden uns. Gleich geht es los. Gleich werden wir uns aus den Augen verlieren. Jeder mit seinem Plan. Einer vorweg, der andere hinterher. Letztes Jahr waren wir in Tejeda wieder zusammen. Wie würde es dieses Jahr für uns beide laufen? Die Sekunden werden runter gezählt. Der Plan für dieses Rennen steht. Ich war vorbereitet. Ich war ruhig. Jetzt hieß es mit diesem Klar zu kommen. Los!

imageDer Lauf war in Etappen eingeteilt. Die erste Etappe war bald erreicht. Es hieß nicht zu schnell, aber doch auch nicht zu langsam loszuziehen, im ersten Anstieg den Trupp mit dem richtigen Dembo zu finden. 1:32h bei km9,8. Ich wollte unbedingt später dort sein. Thomas Eller schrieb man muß sich beeilen da hoch. Stimmt. Für alle, die am cut-off laufen würden. Ja, der Anstieg ist eine Herausforderung! Für mich hieß es langsam genug da hoch zu laufen, hoch zu gehen. Fürs Gas geben ist noch später Zeit genug; fürs vorzeitige Schrotten aber durchaus jetzt schon. Ich fand mein Dembo, meinen Weg, schaute mir die Leute um mich an, achtete auf deren Schritt, vor allem aber eigentlich darauf selbst meinen zu finden. Entspannt ging es in den Berg. Es wurde nicht wirklich überholt. Ich wollte nicht wirklich vorbei. Nur die Ruhe. Wer hier um mich rum Streß macht, muß deutlich besser drauf sein, oder er wird es später bereuen. Ich würde beides nicht mitbekommen. Es war auch egal. Im Berg schaute nicht einmal mehr nach denen, die vorbei zogen. Wozu auch?

Beim Hochgehen ging immer mal wieder der Blick nach vorn. Puh, war die Lichterkette da schon lang. Puh, waren die Ersten bereits weit weg. Ich glaube den wirklichen Anfang sah ich lediglich unten im Ort. Später konnte ich nur noch die „Nachhut“ derer vor mir bewundern. Schön sah es aus diese lange Lichterkette auch hinter mir zu sehen. Klar, ging der Blick unmittelbar hinter mir dahin, ob eine Lücke gerissen wäre. Weiter hinten war es mehr dieser lange Lindwurm, der beeindruckte. Zum Verschnaufen war keine wirkliche Gelegenheit. Der Nächste stand einem quasi in den Hacken. Das Dembo war allerdings wirklich moderat. Vom Drumherum war ich doch so fasziniert, vom Lauf so beschäftigt, dass der erste Blick auf die Uhr erst nach einer reichlichen halben Stunde ging. Wo ich da war im Vergleich zum Vorjahr? Keine Ahnung. Eine Rechnung 9,8/3 und das verteilt auf 1,5h funktioniert bei Trails nicht. Es war schlicht egal. Nach 30min war Trinken. Das war wichtig. Sonst erst mal nichts.

Wir schraubten uns hoch, um den nächsten Hügel, die Stadt aus den Augen verlierend, die nächste Bergkette im Visier. Der Wind bließ. Von den Temperaturen her ging es noch. Das Shirt war zwar bereits etwas feucht im Rücken, aber noch störte das nicht. Nein, die Windjacke brauche ich noch nicht.

Je höher wir kamen, desto langsamer schien mir das Dembo. Langsam geht da wohl dem einen oder anderen die Luft aus? Das wäre noch etwas zeitig. Während die erste Stunde die Lichterkette vor mir ohne Unterbrechung gleichmäßig und hinter mir doch bereits mit Lücken versehen war, nahmen nun doch die Lücken vor mir langsam auch zu. Der Pfad war aber zu schmal zum Überholen und sinnlos Kraft für eine Position im Track wollte ich auch nicht verballern. Es wurde etwas flacher … und breiter. An zwei Trupps kam ich vorbei und plötzlich wurde es leerer. Dann meinte der  Garmin 9km und 1:31h. Noch knapp 1km bis zum VP. Das wird deutlich langsamer als 2015. OK. Zweifel kamen auf. War ich zu langsam? „Hast du ne Macke?“ war die sofortige Widerrede. „Willst langsamer und fragst dich dann sofort, ob es doch noch paßt? Klar paßt das!“ Und kaum war die innere Diskussion beendet, erreichte ich den VP – in 1:36h. 😉 Logisch, dass in dem Moment die Zweifel kamen, ob es nicht doch zu schnell war. Ist das bescheuert?

Wasser auffüllen und weiter. Der nächste VP ist in 10km.

Ein Stück ging es glaube ich noch hoch und dann kam das lange Stück bergab. Hier bin ich 2015 weite Strecken mit Denis Zimmerman und Keule gelaufen. Lustig war, dass ich immer wieder versuchte zu überprüfen, ob ich da 2015 genauso schnell unterwegs war wie jetzt. Wie soll das denn gehen? Ein gefühltes Dembo überprüfen? Und doch erwischte ich mich immer wieder dabei. Sowie es flach wurde oder leicht bergab ging, wurde vor mir gelaufen. Der Kopf war darauf irgendwie nicht eingestellt. Ich fand das ätzend. Aber klar ging man es mit. War ja nicht schnell. Konnte man mithalten. Und trotzdem. Wenn ich keinen Bock hatte die 50m zu laufen, ging ich. Es stand mir keiner auf den Hacken und sowie es wieder hoch ging, war ich wieder ran. Es ging zügig. Es war lustig. Es war nicht übermäßig anstrengend. Es war gut. – Und wo der Wind zugriff, war es kalt!

Der nächste Checkpoint für mich war erst km33, Artenara. 5:30h stand auf der Startnummer. Alles vorher war Gefühl.

Im Runter überholten viele. Im Flachen war ich wieder ran. Es ging hoch, runter, klettern, laufen. Im Dunkeln geht das alles etwas unter. Ich erinnere mich an Vieles aus dem Vorjahr und doch sind Abschnitte bei, die habe ich „noch nie gesehen“. Andererseits erinnere ich mich an eine Kehre, die ich letztes Jahr gar nicht sah, sondern einfach geradeaus wieder an Denis ran lief. Es ist schon drollig, was sich bei so einem Lauf im Kopf alles abspielt. Das runter ist gleich geschafft. Gleich VP. Beim Verlassen des VP fragte mich noch ein Franzose leicht irritiert, warum hier keine Zeitmessung wäre. Ja, VP und Zeitmessung sind teilweise unterschiedlich. Das war in Tejeda und Geranon auch so. Alles OK! Die Zeitmessung würde erst viel später, km 27,4 irgendwo im Wald kommen.

Auf der Startnummer war ja das Höhenprofil mit den VPs abgedruckt. Die Zeitmeßstellen waren da aber nicht drauf. Deshalb hatte ich auch nur die Checkpoints mit Zeit vermerkt, wo VP und Meßpunkt übereinstimmte. Bissl doof. Aber OK.

Nach VP2 hieß es aufpassen. Auf dem zu laufenden Fahrweg ging es irgendwo rechts in einen Trail. Hier bin ich 2015 einem Trupp den Fahrweg hinterher, um nach nem km wieder umzukehren. Andreas hatte sich da das Jahr vorher auch verlaufen. Dieses Jahr war es perfekt ausgeschildert. Das ging nicht zu übersehen. Es ging weiter hoch und hoch und hoch. Wer runter seit km9,8 an mir vorbei war, ließ hier Federn.

Während es im ersten Anstieg ab km20 noch ging, wurde später der Wind giftig kalt. Ich spürte den nassen Rücken. Zeit die Windjacke vorzuholen. Lust zum Anhalten und Absetzen des Rucksacks hatte ich keine. Aber es war die völlig richtige Entscheidung. Ab jetzt störte kein Wind mehr und andererseits war es auch nicht zu warm, wo es windstill war. Die Kombi Dreiviertelhose, Langarmshirt und Windjacke paßte perfekt, um nicht zu frieren. Der Weg bis Altavista ging in einem langen, konzentrierten Nebel unter. Vieles kannte ich, einiges doch nicht. (?) Es lief einfach irgendwie, halt unspezifisch, wie das immer so zu Beginn solcher langer Läufe ist. Zeitmessung bei km 27. Keine Ahnung wo ich stand. Egal. Einfach weiter laufen. Der nächste VP ist bei km 33. Da standen 5:30h auf der Startnummer. 5:26h bin ich durch und mir ging es blendend. Paßt! Am VP füllte ich kurz Wasser auf, nahm ein, zwei Apfelsinen, wusch Hände und Stöcke nach dem Futtern der klebrigen Apfelsinen ab und weiter ging es. Ausgangs des VP schob ich mir drei Pellkartoffeln aus dem Rucksack ein und spülte mit Wasser nach. Ein Gel ging hinterher. Die Versorgung war geplant, wurde eingehalten, stimmte. Alles gut.

Weiter ging es „im Nebel“. Straße, Tail, hoch, runter, egal. Jeweiliges Dembo finden, laufen, gehen – wie auch immer. Eben vorwärts. Unspezifisch ohne besondere Vorkommnisse einfach laufen. So war es 2015 in dem Abschnitt auch. Denis und Keule hatten sich längst nach vorn verabschiedet. Ich war mit mir und dem Weg allein. Alles gut. Nächstes Ziel war der Start der 80er in Fontanales. Der Weg da runter war noch einmal etwas ätzend. Auch hier überholten wieder einige. Am VP war ich letzten Endes aber nicht wie auf der Startnummer stehend bei 7:00h, sondern schon 13min früher. Mir ging es gut. Verpflegung paßte. In 14km würden Silke und Detlef stehen und ich könnte nachfüllen. Alles im Plan. Alles bestens.

Ab jetzt fing eine andere Uhr an zu ticken. Noch 1:10h bis Start der 80er. Wann würde der erste der 80er kommen?

Langsam ging ich weiter, nächste Kartoffeln rein, Wasser auffüllen und weiter laufen. Was ich schon 2015 komisch fand, war dass die 80er in Fonatanles die Läufer der langen Strecke nicht wirklich zur Kenntnis nahmen. Stünde ich da, würde ich Klatschen, die Leute anfeuern. So viele kommen da ja noch nicht. Aber da war Ruhe. Die waren mit sich beschäftigt? Dieses Jahr war das auch so. Egal. Ich war schnell aus dem Ort raus.

Auch auf den nächsten km hieß es aufpassen. Auch hier hatte ich mich 2015 im Tran verlaufen. Die Bändchen im nächsten Ort waren nicht zwingend zu reichlich verteilt. OK, im Zweifel geht es bis zum nächsten Band geradeaus. Das klappt auch – solange man eben keines übersieht. Diesmal waren ein paar mehr Leute vor und hinter mir. Wir fanden den Weg und im nächsten Anstieg war ich wieder weg; jedenfalls bis zum nächsten längeren Abstieg. 😉 Das war schon lustig. Den einen oder anderen sah man einfach öfter. Runterwärts zogen sie vorbei. Sowie es hochging, war ich wieder ran bzw. ging es lang genug hoch auch weg, um in der nächsten Abwärtspassage wieder Hallo zu sagen. Da diese Läufe eh nicht Wettkämpfe gegen irgendwen sind, störte mich das eher nicht. Im Gegenteil. Ich fand es spaßig im Vorbeilaufen immer wieder zu grüßen.

Die km flogen dahin. In Fontanales zeigte die Garmin etwa 3km mehr an, als offiziell weg waren. Km56, Teror würden Silke und Detlef stehen. Rechne ich auf die 56km noch 3“Garmin-km“ rauf, müßte ich bei etwa km59 in Teror sein. 8:15Uhr, also nach 9:15h war ich 2015 da. Eher, meinte ich vorher, wäre ich auch diesmal nicht dort. Jetzt war es aber gerade mal 7Uhr und soo entsetzlich weit war ich nicht mehr weg. Die Garmin meinte 53km weg, also noch etwa fünf, sechs km und es geht nicht mehr hoch! Na klasse! Da brauche ich nie ne Stunde für. Das geht gar nicht. Verpflegung würde ich brauchen. Ich muß in Teror was essen. Das war klar. Aber was mache ich, wenn die beiden noch gar nicht da sind, weil ich zu zeitig bin? Wann würde ich da sein? Naja, warten wir mal ab. Noch bin ich gar nicht da. Und die Viertelstunde zu zeitig in Fontanales müssen beide ja gesehen haben. Stetig gleiche ich jetzt die Strecke mit dem ab, was ich noch so vom letzten Jahr im Kopf habe. Was würde noch kommen bis Teror? So wirklich gelingt dies nicht. Da war wohl 2015 doch etwas viel Nebel im Kopf. Manches erkenne ich wieder. Vieles aber eher gar nicht und vorausdenkendes Laufen ob einer vorhandenen Streckenkenntnis ist vollkommene Fehlanzeige. Aber laufen kann ich noch! Ich laufe auf ein paar Leutchen auf, Jungsche. Die Wandern einen ganz sachten Anstieg! Hallo? Hier wird das schalksche Ego aufpoliert. Ich laufe! Der Ort zieht sich etwas. Wann geht es endlich in diesen verdammten Ortskern? Zum VP ging es auf schmalen Straßen recht steil runter. Aktuell geht es leicht hoch. Wo ist bloß der VP? Doch nein, stop. Eigentlich sollte er ja besser noch nicht kommen. Wer weiß wo die beiden sind. Ich brauche Verpflegung!

In Gedanken versunken höre ich einen Pfiff hinter mir. Mann! Schalk! OK, waren nur 30m. Ich bin im Tran wieder gerade, während es rechts ab ging. Ja, da war ein Bändchen. Blind! Ich bedanke mich die 30m nach vorn fürs zurückrufen. Und jetzt bin ich auch auf dem Stück runterwärts. Es kann nicht mehr weit sein. Es wird spannend! Sind die beiden da? Im Kopf gehe ich schon mal durch, was ansteht, wenn sie da sind: Rucksack ab, Jacke aus, Shirt aus, kurzes Shirt an, andere (dünnere) Jacke an, Kartoffeln in den Rucksack, Gels nachfüllen, Flaschen auffüllen, weiter.

Linkskurve. Automatisch geht der Blick so weit nach vorn, als möglich. Direkt vorn 200m um die nächste Kurve muß der VP sein. Da vorn stehen auch Leute. Den einen kenne ich doch? Das muß Detlef sein! Das ist Detlef! Juhu! Plan A greift, Plan A bleibt. Alles im grünen Bereich!

Jetzt konzentrieren, nix vergessen und dann weiter.

Alles läuft wie am Schnürchen. Die beiden haben noch etwas Nudelsuppe zum schlürfen. Das ist zwar kalt, aber schön salzig und rutscht wunderbar. Ein paar gequetschte Kartoffeln füllen auch erst einmal den Magen leicht. Das paßt perfekt. Durch den Klamottenwechsel bin ich etwas später wieder unterwegs. Allerdings sollte ich gut gestärkt alle gerade erst überholten bald wieder zu Gesicht bekommen.

Ab jetzt geht es bis Cruz Tejeda tendenziell einfach nur immer steil hoch. Tendenziell. Für die Treppen raus aus Teror stimmt das definitiv. Und wenn man die irgendwann bewältigt hat, geht es weiter und weiter aufwärts, um dann eine Hügelkette entlangzulaufen. Das ist dieses Rennsteich-Auf und Ab. Das ist ätzend! Du siehst den nächsten Hügel, da geht es hoch und wenn du oben bist siehst du vor dir ein leichtes Runter, um kurz darauf den nächsten Hügel zu erklimmen – ohne dass du siehst, was dahinter kommt. Manchmal ahnt man schon wo es weiter geht, manchmal nicht. Normal mag ich so was schon. Aber Mögen ist nach 60km und elendig vielen Höhenmetern da dann so ne Sache. Der Kopf stellte sich darauf ein. Schließlich wußte ich was kommt. Und doch schaffte der Anstieg aus Teror mehr, als ich erwartet hätte. An den Hügeln angekommen war ich platt! Doch zu schnell hoch? Doch anspruchsvoll? Ja! Na klar! Ich war wieder mit  ein paar anderen unterwegs. Hoch hielt ich mit oder war etwas schneller. Im Flachen liefen die. Da hatte ich so gar keine Lust zu! Oft war das Flach oder Ab nur kurz. Dann kam ich Hoch wieder ran. An einem der letzten Hügel vor dem nächsten VP ging es aber irgendwie länger flach. Und weg waren sie. Zwei der Jungs habe ich wirklich nicht mehr wieder gesehen. OK. 😉 Der nächste VP kam in Sicht. Die Hügelei ist also geschafft! Dann kommt jetzt noch mal ein ordentlicher Anstieg durch einen Wald und im Anschluß Cruz Tejeda. Wenn ich da einmal bin, ist eigentlich nur noch der Anstieg zum Pico de las Nieves und das kleine Ding hinter Tunte. Die Höhenmeter sind dann erst mal im Sack! YES! Kurz vor oder kurz hinter Cruz Tejeda überholte mich der Erste der 80er. OK, ab jetzt heißt es also öfter mal Platz machen. Einige der Jungs rufen von weit genug hinten oder bedanken sich auch. Aber so ein paar Knallköppe mallen doch ernsthaft rum, wenn man sich auf schmalem Trail nicht sofort in Luft auflöst? Vögel! Diesen Pfeifen möchte man am liebsten mal kurz das Bein stellen. Nein, natürlich nicht. Trotzdem Pfeifen!

Runter nach Tejeda geht es nicht ganz so fix. Das bekannte Problem. Die drei Jungschen von vor Teror sind wieder an mir vorbei. Die haben allerdings irgendwie an jedem VP ne Übernachtung gebucht. Ich werde sie in Tejeda wieder sehen. Bis etwa Cruz Tejeda war es irgendwie kalt, windig und ungemütlich. Alles hing mehr oder weniger im Nebel. Bähh. Richtung Tejeda wurde es schon etwas besser. Aber kurz oberhalb von Tejeda dann der absolute Hammer. Ich kam um eine Kurve und plötzlich lag der Talkessel von Tejeda in gleißendem Sonnenlicht vor mir! Irre! Hier überlegte ich echt kurz, ob ich das Telefon aus dem Rucksack für ein Foto vorkrame. Ich hatte aber zum einen nur das kleine Laufhandy bei, das eh nur schlechte Fotos macht und zum anderen war das keine Fotosafari, sondern ein Laufwettkampf! 😉 Ich zählte an der Stelle voll auf die Truppen weiter hinten. Die würden das schon noch festhalten. da ist normal schon Verlaß drauf. Bei Runterlaufen geht der Blick immer wieder nicht nur runter, um sich nicht lang zu machen, sondern auch nach vorn, um den Roque Nublo, und den Blick in den Talkessel in mir aufzusaugen.

Im Runterlaufen freute ich mich auf den VP in Tejedas und auf die Papas arrugadas – die runzligen kanarischen Salzpellkartoffeln mit „roter Soße“.  Ortseingang. Jetzt eigentlich nur einfach grade runter und dann bin ich am VP. Dachte ich jedenfalls. Pustekuchen. Eine Sekunde war ich am Grübeln, ob er da im letzten Jahr wirklich war. Aber wirklich nur eine Sekunde. Ja, er war genau dort! Schließlich habe ich dort fast ne halbe Stunde zugebracht und hatte genug Zeit mir diesen Ort einzuprägen. Die Bänder wiesen die Straße runter. OK, dann nicht hier. Vor dem Anstieg zum Roque Nublo würde er kommen. Und wenn nicht, wäre es für mich nicht so schlimm. Ich komm mit dem Wasser auch bis Geranon. Das würde passen. Futter hatte ich im Notfall anbei. – Und man soll immer den Notfall planen! Der VP kam. Und es gab keine Papas arrugadas. Also kurz Wasser aufgefüllt, ein, zwei Apfelsinen gefuttert, die Hände von dem klebrigen Zeugs wieder abgewaschen und weiter. Die drei Jungschen ließ ich am VP hinter mir. Allerdings mußte ich auch erst mal was futtern. Im Gehen kramte ich ne Pellkartoffel vor, spülte mit Wasser nach und der letzten Pellkartoffel geschah das gleich Schicksal. Ein Gel hinterher für die schnelle Versorgung. Die Jungschen waren während des Futterns wieder vorbei.  Dann nahm ich aber auch wieder Dembo auf. Ab jetzt kenne ich die Strecke, weiß wo es hoch oder runter geht, hab ne Ahnung zu Distanzen. Ab jetzt bin ich wieder voll mit dabei! Es dauerte nicht lange und ich war an den Jungschen wieder ran und vorbei. Das jetzt war genau mein Lauf! Es war wieder Sonne, es ging hoch, ich hatte gefuttert, wußte was kam – das war Freude pur! Ja klar, war das auch anstrengend. Aber vor allem war das Spaß!

Mit Spannung erwartete ich schon den Punkt von dem man so herrlich Teneriffa mit dem Teide würde sehen können. Noch waren da Wolken zwischen. Würden sie weg sein?

Stetig ging es bergan. In Gedanken war ich immer schon ein paar Ecken weiter, als real. Ich war wie am Montag mit Tanja, Andreas und Jan hier unterwegs, genoß die Gegend, horchte in mich, ging zügig und gleichmäßig voran. Von Hinten kamen zwei, drei andere Läufer. Gaaanz langsam schoben sie sich ran und je steiler es war, desto länger dauerte es. Ich mußte schmunzeln. Das waren welche von der „kurzen“ Strecke. In einem flacheren Abschnitt waren sie aber dann doch zügig vorbei und weg. Logisch. 😉 Der Weg wurde flacher. Man konnte wieder anlaufen. Hier mußte man einfach mal nach rechts schauen. Wären da nicht die Wolken zwischen Gran Canaria und Teneriffa, könnte man hier jetzt den Teide sehen.

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So sah das im vergangenen Jahr da aus.

So konnte ich mich aber dann halt auch völlig auf den Lauf konzentrieren, war nicht in Gewissenskonflikten Laufen oder Fotografieren. Jetzt war es auch nicht mehr weit bis zum Roque Nublo. Hier geht es in eine kleine Schleife. Man kommt an einer Weggabelung oben an und läuft dann in einer Wendeschleife die paar hundert Meter zum Roque Nublo, Zeitnahme und wieder retour zur Gabelung. Dann geht es wieder schön runter… Ich finde so eine Wende immer herrlich. Auf dem Hinweg siehst du andere Läufer, die vor dir sind, klatscht ab. Und retour siehst du die, die kurz hinter dir sind, Grüßen, Daumen hoch und Abklatschen.

Jetzt kommt eine Strecke mit relativ vielen Spaziergängern, da dies der „Touri-weg“ vom Parkplatz zum Roque Nublo ist. Das macht schon ziemlich Spaß an den Leuten vorbeizufliegen. Allerdings ist der Abschnitt nicht lang und es geht gleich wieder in die gewohnte Einsamkeit. Weiter geht es abwärts, wieder etwas hoch und runter bis zu einer Staumauer. Jetzt kommt der letzte Anstieg hoch nach Geranon und dann weiter zum Pico de las Nieves. Nicht mehr weit bis Geranon. Noch einmal der Blick, nun das andere Rechts, in Richtung Teneriffa. Wolken. Kurz vor Geranon überhole ich einen Läufer, der Spaziergänger fragt, wie weit es noch bis zum VP ist. „Nur noch einmal links, dann kurz darauf rechts und dann sieht man schon den Eingang ins Camp.“ Ist nicht mehr weit.

Ich gönne mir eine kurze Verschnaufpause. Sicher war der Anstieg doch kräftezehrend. Kurz aus dem Dropbag ein frisches, trockenes T-Shirt, Jacke in den Rucksack, Gels aus dem Beutel in den Rucksack, Dropbag weg. Hier gibt es die Pellkartoffeln. Also gleich welche in den Rucksack, Flaschen wieder aufgefüllt und nach knapp 10min geht es weiter.

16:30h war die Zeit vergangenes in Geranon. Mit 13:27h laufe ich in den VP. Mit 13:36h bin ich wieder on tour. 2:30h Vorsprung klingt. Ich hatte schließlich keine Ahnung, ob die neue Route ab Tunte schneller oder langsamer war. Ich tendierte zu etwas langsamer, für mich langsamer, weil ich in solchen Passagen eher nicht so fix bin. Wer so was kacheln kann, gut. Ich jetzt eher nicht so.

Beim Einlaufen war keine Zeitmessung. Da habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ist dann halt im Ausgang. Da war aber auch keine. Und jetzt schwante mir, dass die 16:30h für oben gelten. Ich hatte die 16:30h an den VP auf der Startnummer geschrieben. Aber die Matte ist ja oben am Pico de las Nieves. Klasse! Nix mit 2:30h Vorsprung. Das dürfte jetzt etwas dauern. So weit ist das zwar nicht. Aber es geht schon noch mal ein paar Hm nach oben. Auf dem Weg da hoch begann das große Grübeln. Ich war 2015 schnell ab Geranon, hatte mich da schließlich ne Weile ausgeruht und gewartet, dass Andreas kam. Ab da lief es. Jetzt war die Pause nicht allzu lang und ich lief eh schon dichter am Limit. Wie schnell ist man auf der neuen Strecke? Wie komme ich durch den Japanischen Steingarten? Kann man da auch noch mal ne 6er Pace laufen? Mit 5:10 oder 5:20 läuft man da ganz sicher nicht lang – also ich jedenfalls nicht. Wie groß war der Zeitverlust letztes Jahr durch den steilen Abstieg zur Kamelfarm? Ich werde Antworten dazu haben. Aber das wird noch ne Weile dauern. Es geht erst mal hoch. Straße erreicht. Yes! Und gleich wird es spannend. Über die Zeitmatte geht es nach 14:06h. Keine 2h Differenz zu 2015. Uff. Aber gut. Ende ist erst in Meloneras. Und bis dahin wird nicht aufgegeben. Die 20h sind fest im Blick!

Etwas doof nur, dass ich gerade so überhaupt nicht ins runterlaufen komme. Es geht nicht. Ich kann nicht laufen! Was ist das denn jetzt für ein Dreck? Langsam stolpere ich über die Steine. Gehen geht. Na klasse! Das darf doch jetzt alles nicht wirklich wahr sein! Wieso lassen es diese verdammten Beine nicht zu, runter zu laufen? Ich nehme die Stöcke in die Hand. Nicht gut. Ich setze die Stöcke zum Abstützen ein. Nicht gut. Die Muskulatur blockiert. Ich könnte schreien. Aber irgendwie auch wieder nicht. ‚Mach das beste drauß, Schalk. Die sub20h ist futsch. Aber du bist klasse unterwegs. Vielleicht geht ja später auch wieder was. Nur die Ruhe. Die ist ja reichlich da, beim Wandern. Läufer überholen. Ich sehe ihnen sehnsüchtig nach. Machen kann ich grad nix. Gleich kommt allerdings noch einmal ein Ausblick Richtung Teneriffa. Und jetzt sind die Wolken weg. Ich genieße den Blick! Das ist wirklich herrlich!

Nach einer Weile werden die Arme vom Einsetzen der Stöcke schwer. Was soll jetzt der Blödsinn? Aber bevor ich mir Beine und Arme „ruiniere“, kommen die Stöcke in den Rucksack. Dann bleiben wenigstens die Arme heil. Stöcke also weg und los geht es. Vielleicht geht ja doch wieder anlaufen. Ganz langsam teste ich es an und siehe da: Es geht! Ich laufe! Ich kann bergablaufen! Mehr und mehr ziehe ich das Dembo an, springe über die Steine, vergrößere die Schrittlänge, komme in einen Fluß.

IMG_4658Meine Uhr meldet sich. Akku schwach. Na super! Ich hätte sie in aller Ruhe hoch nach Geranon oder vorhin beim Spazierengehen an das Akku meiner Stirnlampe anschließen und aufladen können. Nein! Natürlich hatte ich das vergessen. Dann also jetzt im Trail nach unten am Rucksack rumfummeln. Zum Anhalten will ich mir nicht mehr die Zeit nehmen. Also aus dem Rucksack das kleine Beutelchen mit Stirnlampe und Ladekabel raus, Stirnlampe aufgesetzt, Akku ab, USB-Adapter an das Akku, Ladekabel ran, Uhr ab, die Klemme anfummeln und dann vorsichtig dieses Konstrukt in eine Seitentasche des Rucksacks – so, dass die Klemme nicht abgeht. Während ich da fummle, kommen von hinten die Jungschen. Ich lasse sie vorbei. Sie fragen, ob alles OK wäre. „OK!“ Und weg sind sie. Als die Uhr verstaut und der Rucksack wiederzu ist, nehme ich die Verfolgung auf. Eine Zeit lang sehe ich sie noch. Aber kurz vor Tunte verschwinden sie dann doch aus den Augen. Sind doch noch etwas schneller in dem Abschnitt.

Den Abstieg runter nach Tunte hatte ich vom vergangenen Jahr noch ziemlich lang in Erinnerung. Gut, dass wir den den Montag vorher noch einmal gelaufen sind. So weit ist das gar nicht. 2015 liefen wir hier zu zweit runter, zügig und schön gleichmäßig. Diesmal war ich allein, und nun endlich auch zügig und gleichmäßig. Gedanklich ging ich die nächsten Kurven durch, den Weg bis Cruz Grande, weiter nach Tunte. Was benötige ich da an Verpflegung? Wie lange ist es noch ab da bis Meloneras? Würde ich von Tunte aus noch Zeit wieder rauslaufen?

Während ich 2015 prinzipiell recht schnell ab Tunte unterwegs war, fiel mir nun ein, dass ich in dem steilen Abstieg zur Kamelfarm unten nen Hänger hatte. Danach bin ich ein Stück mit Denis mit, die da keine Lust mehr zum schnellen Laufen hatte. Erst etwas später zog ich dann los. Was für ein Zeitpuffer gegenüber 2015 hatte ich also real? Gleich Tunte. Jeder Meter war im Kopf. Vor der Straßenbiegung wußte ich schon, was dahinter kam. Aus dem Wald raus Links und in einer leichten Rechtskurve relativ eben weiter, dann wieder links und ziemlich steil runter, wieder links, gleich wieder rechts und dann kommt da der VP. Einem Läufer 50m vor mir rief ich immer die Abzweige zu, da er oben am schauen nach den Bändchen war. Gemeinsam liefen wir im VP ein. Euphorisch wurden die Ankommenden gefeiert. Die Jungschen standen auch da – ich werde sie nicht noch einmal treffen. Ich füllte nur fix eine Flasche auf, kontrollierte die Zweite und wieder los. Kartoffeln und Gels hatte ich anbei. Das Buffet war mir egal. Brauche ich nicht.

Jetzt ging es im Ort erst einmal hoch und dann mehr oder weniger eben weiter bis zum vorletzten leichten Anstieg des Tages. Wenn man frisch ist, läuft man den hoch. Ganz so zügig ging es nicht. Aber viel langsamer nun auch wieder nicht. Es kamen andere Läufer in Sicht. Kurz bevor ich ran war, beschleunigte der auch. Fragezeichen im Kopf. Von mir aus soll er mitkommen. Aber ist es nicht so, dass man bei gleichbleibendem Gelände eh schneller unterwegs ist, wenn man von hinten ran kommt? Ran und vorbei. Ich komme mir vor wie auf der Autobahn, wenn man mit Tempomat an andere ran fährt und diese neben einem plötzlich schneller werden. Ist man endlich irgendwann vorbei, verschwinden sie sehr schnell im Rückspiegel. Einen Rückspiegel hatte ich nicht. Aber gleich wurde es steiler und damit war ich auch schon vorbei. Auch den Anstieg hatte ich aus 2015 länger im Kopf. Und auch da merkte ich Montag bei der Streckenbesichtigung, dass er gar nicht so weit war. Zum Kraft- und damit Demboeinteilen war das gut.

20160224_122004Oben! Yes! Jetzt hieß es mental Kraft für den laaaaaanggezogenen Abstieg rechts runter zum Stausee zu sammeln. Die paar Meter Forststraße waren doch zwei mehr, als erwartet (??) 😉 Aber dann kam der Abzweig nach rechts. Hier hatte ich die beiden Polen am Sonntag getroffen. Sie würde auf der Marathonstrecke unterwegs sein und er auf dem 80er. Nein, beide würde ich nicht sehen. Gefühlt war ich sehr schnell. Was hatte ich noch an Zeit bis 19Uhr? Wie lange brauchte ich noch. Die erste Frage ließ sich beantworten. Dafür muß ich nur die Uhr aus dem Rucksack holen. Wann war ich eigentlich in Tunte? 17:50h standen 2015 auf der Uhr. War ich nach 15:50h dort durch? Später in der Ergebnisliste sehe ich, dass es 15:41h waren. Nur war die Uhr in Tunte noch im Rucksack. Einen weiteren zeitlichen Anhaltspunkt zum Vorjahr würde es nicht mehr geben. Aber eigentlich war das auch fast egal. Jetzt hieß es einfach nur noch laufen.

Gedanklich ging ich die Anzahl Gel durch, die ich noch habe. Zwei! Oh! Es waren noch ein paar Meter bis Meloneras. Jetzt kamen mathematische Höchstleistungen. Im Runterkacheln mußte ich erst einmal überlegen, ob Drei wirklich der richtige Teiler ist für zwei Gels auf der verbleibenden Strecke war. Kurz vor Tunte hatte ich das letzte gefuttert. Ab Tunte waren es 30km, also alle 10km ein Gel. Aber welcher km war Tunte auf der Garmin? Wie viele km mehr zeigte die Garmin? Offiziell waren es 125km – 115 und 105. Und für meine Uhr? Da standen schon mehr km. 107! Das nächste Gel gibt es bei 107!

Schwer genug würde es noch werden ab dem Japanischen Steingarten.

Im Runterlaufen kamen drei Leutchen in Sicht. Der Weg war schmal. Es würde sich eine Ecke finden schnell vorbei zu gehen. Der Blick war voll auf den Weg fixiert. Bloß die anderen nicht behindern und sicher (und elegant!) vorbei zu kommen. Ich zählte die km bis 107 runter. Ab 105 ging der Blick andauernd auf die Uhr. Die Akkus wurden spürbar leerer. 106 – 106,5 – 106,8; … Gel rein. Der Stauseee in Ayagaures war noch ne Ecke weg. Um den nächsten Hügel und dann würde er in Sicht kommen.

transgrancanaria2016-699_52Runter, runter, runter und in Ayagaures dann den letzten Anstieg wieder hoch. Der war sehr angenehm flach. Vielleicht kann ich ihn noch laufen. Die letzten der Marathonies erreiche ich kurz vor dem Stausee. Gegrüßt wird mit dem Daumen hoch. Es ist nicht mehr weit. Für mich wird es nicht mehr weit sein. Besser das nicht sagen. Wenn die Jungs und Mädels jetzt erst hier sind, wird auch der Rest noch ne ganze Ecke länger dauern. Aber Motivieren darf man! Also Daumen hoch!

IMG_4654Ayagaures. Beim Einlaufen an den VP in einer kurzen Gegenlaufstrecke sehe ich Preißlers. Die sind auf der Marathonstrecke und schon vom VP los. Gleich würden wir uns wiedersehen. Am Buffet schaue ich, ob nicht vielleicht doch ein Riegel oder Gel rumliegt. Etwas nachtanken außer der Reihe wäre gut und sinnvoll. Nix. Dann eben nicht. Wasser nachtanken, weiter.

Die Staumauer. Preißlers stehen mit dem Fotoapparat. Sorry, ich habe keine Zeit für ein Foto. Ich muß weiter! Die sub20 sind fest im Visier! Hoch kann ich laufen – jedenfalls über weite Strecken. Auf jeden Fall bin ich schon mal schneller unterwegs als alle, die ich vor mir sehe. Ein Marathoni nach dem anderen wird eingesammelt. In zwei langgezogenen Kehren zieht man nach oben bevor es links auf der anderen Seite des Hügels ins „Steintal“ geht. Fast oben angekommen sehe ich Preißlers gerade unten um die Kurve kommen. Kurz noch einmal gegrüßt und weiter geht es.

transgrancanaria2016-699_61Oben! Ab jetzt geht es nur noch bergab. – Hoffentlich nicht mit der Leistung! Noch kann ich den Druck aufrecht erhalten. Runter, runter, runter, bevor es flacher wird und dann das Flußbett, der Baranco kommt. Immer wieder überhole ich jetzt. Das ist gut für den Kopf. Wenn du grad vorbei bist und die anderen gehen und du sie im vorbeilaufen anfeuerst, kannst du nicht danach selbst ins Gehen kommen. Das ist nicht zulässig. Das treibt an. Ich überhole einen von der langen Strecke. Er geht bergab. Ich grüße und laufe vorbei. Die Akkus werden wieder leerer. Der Magen meldet sich. Eine Kartoffel muß nachgeschoben werden. km115. Das Gel ist eigentlich noch zu früh. Hilft nix. Dann jetzt. Ich werde es hintenraus irgendwie überleben. Jetzt brauch ich Energie! Beim Futtern wechsle ich doch ganz kurz ins Gehen. Der gerade Überholte läuft an mir in einem Affenzahn vorbei. Was ist denn mit dem los? Ich laufe an, versuche zu folgen. Keine Chance. In Nullkommanichts sind 100, 200m zwischen uns und er verschwindet in den Baranco. Vielleicht sehe ich ihn wieder. Vielleicht nicht. Egal. Es wird der einzige bleiben, der mich ab da überholte und den ich vor Meloneras nicht mehr wieder sah. Am Ende war er aber auch „nur“ 2min vor mir da. 😉 Jetzt kommt eine Strecke, die vermutlich dem Gärtner das Herz höher schlagen lassen dürfte. Wie taufte bei der Streckenbesichtigung Tanja doch gleich noch mal diesen Teilabschnitt? Japanischer Steingarten. Andere fanden weniger schöne Ausdrücke. Für den Streckenchef war es wohl besser, dass er nicht da unten vor Ort war. Wer weiß was der eine oder andere trotz schwindender Kräfte aufgrund mangelnder geistiger Beweglichkeit mit ihm gemacht hätte. Hier war mentale Stärke angesagt. Hier hieß es einfach nur von Stein zu Stein schauen und bloß einen vernünftigen Rhythmus finden. Anhalten wäre hier eine sehr blöde Idee. Dann kommt man vermutlich nicht mehr, oder nur sehr schwer ins Laufen. Nach 17:50h ging es in den Baranco. 115km. 12km dürften es ungefähr noch sein. 2:10h bis Meloneras. 2:10hfür 12 oder 13km. Das muß sich ausgehen! Das Ding ist im Sack? Eigentlich schon! Eigentlich? Anbrennen kann immer noch was. Da kann plötzlich ein Muskel anfangen zu zucken. Aber außer so einem Ding? Das müßte doch bald mit Wandern zu schaffen sein. Wie lange hatte ich hier mit Andreas gebraucht? Bereits seit Ayagaures rechnete ich immer wieder die verbleibende Strecke auf 8er Pace hoch. Hier reichte konstante 8er Pace locker für sub20h.

Zur Sicherheit wollte ich natürlich so weit als möglich drunter bleiben. Immer wieder ging der Blick auf die Pace. Immer schön ne 6 vorn hilft. Hoch in die 6 ist nicht schlimm. Es würde reichen. Stetig überhole ich hier Leutchen von der kurzen Strecke. Grüßen und weiter.

transgrancanaria2016-699_70 (2)

Wenn dieser elendige Baranco hinter mir liegt, ist es sicher. Aber erst mal muß man den haben. Vorn flacht der linke Hügelzug langsam ab. Kennt man die Strecke nicht, könnte man meinen gleich käme der Ausgang aus dem Tal. Es würde eine leichte Linkskurve kommen und noch ein paar km weiter im Steinbett gehen. Wenigstens würde der Weg auf weiten Stellen besser werden. Nur noch ein paar Passagen mit Steingarten. Das meiste ist jetzt steiniger breiter Trail/Fahrweg. Ich zählte jeden einzelnen km jetzt runter. Wann kommt dieser Ausgang aus dem Tal? Endlich1 Vorn links sah ich in der Hügelkette eine Delle. Da standen kleine Häusel vom Betonwerk. Es war geschafft. Endspurt. Naja, Spurt eher nicht mehr. Aber Meloneras kam in Sicht!

Es ging auf die alte Strecke. Hier war letztes Jahr noch ein VP. Ein Schluck Cola hätte etwas. Ich würde nicht nein sagen. Leute standen hier, feuerten an, warteten auf ihre Leute. Fast war ich geneigt nach Cola zu fragen. Nein! Du bist stark! Du schaffst das auch so! Der letzte VP ist noch zwei km weg – drei km vor dem Ziel. Noch fünf km also. Welcher Idiot läßt einen vom vorletzten VP bis zum letzten 15km durch die Pampa laufen und setzt dann einen 3km vor dem Ziel? Was soll ich da noch mit nem VP? Jetzt, hier wäre Cola gut. War aber nicht. Idioten! Nein, ich würde nichts am letzten VP nehmen! Jetzt komme ich auch noch den Rest durch. Das ist doch hier kein City-Halbmarathon, wo man zwingend 3km vor dem Ziel noch einen VP braucht. Während ich mich innerlich aufrege, erinnere ich mich an das vergangene Jahr. Kurz vor der Brücke an der Schnellstraße überholte ich damals Jan, Aschu und Keule. Gleich geht es in den Baranco. Gleich „Endspurt“. Die gefühlte Akkuanzeige geht langsam auf Reserve. Es ist das Wissen die letzten 4km auch noch hinzubekommen. Es ist das Wissen aus dem orangenen Bereich nicht mehr in den roten abzudriften. Es ist das Wissen die 20h mehr als sicher zu knacken. Eine 18 wird nicht mehr vorn stehen. Irgendetwas zwischen 19:10h und 19:20h wird stehen. Eigentlich ist es egal, wann ich ankomme. Es wird eine geniale Zeit werden. Am Start war ich nicht sicher, ob die 20h zu knacken sind. Kurz nach dem Pico de las Nieves hatte ich sie abgeschrieben und jetzt wären fast die 19h noch gefallen?

Wie komisch ist das denn?

Wie geil ist das denn?

Der VP kommt. Es geht noch einmal raus aus dem Baranco, über die Matte, durch das Zelt. Hochmotiviert wollen die Leute am VP wissen, was ich brauche. Nix! „Es sind nur noch 3km. Wozu?“ Treppe wieder runter. So ein Blödsinn! Egal. Kurz darauf geht es wieder raus aus dem Baranco, Treppe hoch, Rechtkurve, oben am nächsten Baranco entlang, wieder runter, unter ner Brücke durch, wieder raus. Aber jetzt kommt die lange Gerade, leicht bergauf in Richtung Expo Meloneras. Vorn sieht man sie schon. Der letzte km. Laufen ist angesagt. Man mag einfach nur stehenbleiben. Aber nein, Gehen ist irgendwie keine wirkliche Option. 300m vor dem Ziel empfängt mich Maren. Gemeinsam laufen wir ein Stück. Puh, bloß nicht so schnell! Hallo! Das hatten wir doch schon mal am Steich. Da konnte ich ihr nicht mehr folgen. Heute geht es. Wo würden Silke und Detlef stehen? Vorletzte Kurve. Es geht am Ziel vorbei. Die 19:10h sind durch. Es ist egal, welche Zeit da am Ende steht. Sie wird einfach nur genial werden! Zielgerade. Die Sprecher machen Party. Einer von beiden kommt mir entgegen. Ich will ihn abklatschen. Wir drehen erst einmal ein kleines Tänzchen.

imageDirekt am Ziel steht Floh! Hey, er ist noch da, hat gewartet. Lange, lange muß er da sein.

Ziel! Geschafft! Yes!

image

Floh kommt rum in den Zieleinlauf. Gratuliert. Was ist er gelaufen? 16:08h! Wie bitte? 16:08h! Irre! Der Typ ist einfach irre. Klasse! Er ist einen Wahnsinnslauf gelaufen. Ich freue mich so für ihn. Maren kommt dazu, Thorsten, Julia.

Wir freuen uns nen Kullerkeks. Floh muß erzählen. Hinsetzen, zuhören, ein Bierchen. Darauf müssen wir anstoßen. Ist das Geil?

Bei der ganzen Euphorie geht es fast unter, dass Maren sich nach 5km das Knie lädiert hat und aussteigen mußte. Auch Thorsten ist nur deshalb schon da, weil er nach Teror die Reißleine ziehen mußte. Silke und Detlef sind noch nicht da, weil sie Tanja und Andreas eingesammelt haben. Sehr schade! Aber Floh und ich sind richtig super gelaufen. Jan würde ankommen, würde sein Waterloo mit dem Sturz vor zwei Jahren im Wettkampf und den zwei Stürzen im Training letztes Jahr überwinden. Das ist klasse! Andreas verbucht das Ganze als langen Trainingslauf vor dem Steich. Maren ist hier den M letztes Jahr auch schon gelaufen. Bei Thorsten spielt schon auch der Trainingszustand ne Rolle. Der TGC ist schon recht anstrengend. Der verzeiht Trainingsausfälle nur zum Teil. Für Tanja ist es schon hart. Zwei Mal los, zwei Mal am cut-off gescheitert. Dieses Jahr war besser. Da war sie zwar spät, aber nicht kaputt. Aber das tröstet auch nur bedingt.

IMG_4652

Das erste Bierchen mit Floh schmeckt. Das zweite auch. Wir freuen uns über unsere Läufe. Dann geht es ab ins Quartier. Duschen, was futtern. Nur langsam will der Magen etwas aufnehmen. Zu lange wurde er doch auf Sparflamme gehalten und der Körper zu dem ordentlich belastet. Die erste Portion ist recht klein. Erst nach ner halben Stunde geht es weiter. Dann müssen wir wieder zum Ziel. Jan abholen!

Und einen Tag später muß ich erst mal meine Potion Eis verteidigen.

Und kann es im Anschluß dann doch in vollen Zügen genießen!

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… verdienter Maßen!

Am Arm trage ich ein Band. Man sieht es auf dem Foto gar nicht. Anderswo gibt es Gürtelschnallen. Naja, wollen wir mal schön die Füße auf der Erde lassen.

MENOS 20 HORAS

ist darauf zu lesen.Der erste längere Lauf, bei dem wirklich fast alles paßte! YES!

19:12Uhr ist es übrigens Anfang März noch hell auf Gran Canaria. 😉

 

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