Nur Fliegen ist schöner?

Ein Hustenbonbon ist grad ganz Ok. Der Hals kratzt etwas, die Stimme ist ein klein wenig im Eimer. War es so laut im Festzelt? War es wieder so ein Schrei, wie im vergangenen Jahr nach dem Zieleinlauf in Schmiedefeld? Da stand beim Durchlaufen des Ziels über mir 6:00:50h. Meine ganze Enttäuschung so knapp an der sub6h vorbeigelaufen zu sein, entlud sich dann in einem etwas lauteren Schrei. Danach ging es mir besser.

Am 17. Mai 2014 wußte ich wie das gehen kann. Aber ich wollte es nicht noch einmal versuchen. Ich wollte nicht noch einmal das ganze Frühjahr nur auf diesen einen Tag hinarbeiten, wollte auch andere Läufe wieder genießen. Die Harzquerung steht seit langem noch einmal auf dem Zettel und auch anderes gibt es da. In den letzten Jahren ordnete sich das alles dem Ziel, einmal unter 6h den Supermarathon am Rennsteiglauf zu laufen, unter.

Seit dem verging Zeit. Andere wußten es gleich. Bei mir mußte sich erst mal einiges setzen. Aber irgendwann war auch ich soweit. Der Plan stand, es doch noch einmal zu versuchen.
Einmal vorn die 5 als erste Zahl auf der Uhr sehen!

Das Training sollte ähnlich aussehen wie vergangenes Jahr. Einige Änderungen kamen aber doch rein. Am ersten Märzwochenende ging es beim Transgrancanaria einmal quer über die Insel Gran Canaria.
Höhenmeter sollten damit trainiert sein. Wichtig war eine ausreichend lange Regeneration nach dem TGC und dann doch noch ein anständiger Endspurt in der Steichvorbereitung. So viele Wochen lagen gar nicht zwischen beiden Läufen. Die Zeit nutze ich vor allem im Deister, an der Ahrensfelder Höhe und in den Müggelbergen, um Dembo im hügligen Gelände zu trainieren. Am Steig braucht man keine technisch anspruchsvollen Hochgebirgstrails schnell hoch oder runter laufen zu können. Man muß leichte Steigungen auf Waldautobahnen hoch wie runter kacheln können. 20, 25 oder 30km Demboläufe in hügligem Gelände und an aufeinanderfolgenden Tagen waren angesagt. Aufgefüllt wurde das ganze mit langen Läufen, teils auch noch mit Dembo gespickt.

Der 9.Mai rückte näher.

Der Zeitplan für die sub6h stand vom vergangenen Jahr.

Die Verpflegung war durchgeplant. Den Veranstalter sollte mein Lauf ein paar Becher Wasser kosten. Alles andere hatte ich anbei. An km25 und am Grenzadler würde ich Nachtanken. Silke würde mir vorbereitete Fläschchen reichen. Da hieß es jeweils nur die leere Flasche aus der Hosentasche fallen lassen, die Volle greifen und weiter. Steht man an jedem VP eine Minute, müßte man über diese 72,7km bei 14 Verpflegungspunkten 14 Minuten rauslaufen müssen. Da spar ich mir lieber 13 Minuten von und kann langsamer laufen.
Die Klamottenfrage wurde Früh auf dem Markt in Eisenach geklärt. Es war trocken und kühl. Aber nicht zu kühl. Also drückte ich Maren kurz vor dem Start noch meine dünne Windjacke in die Hand und lief kurz/kurz.

Überhaupt war es wieder schön, viele bekannte Gesichter auf dem Markt in Eisenach treffen zu können. Jeder ging mit seinem Plan an den Lauf. Sehr unterschiedlich waren diese. Fünf Mal bin ich den Steig schon gelaufen. Drei Mal mit dem Gleichen Ziel. Auch mein Plan stand.

Der Morgen am 9.Mai also die übliche Routine.

Ich war perfekt vorbereitet.

Der Lauf war verinnerlicht.

Kein Grund also nervös zu sein.

Ich wußte da ist nichts offen.

Ich war tiefenentspannt.

Schließlich war alles getan.

Noch 10min bis 6Uhr. Ich verabschiedete mich von den anderen unserer Truppe und suchte mir den Weg in die vorderen Reihen. In Eisenach ist dies auch heute noch ziemlich entspannt kurz vor dem Start möglich. Auch vorn trifft man die üblichen Verdächtigen. Kurzer Schnack und dann ist es auch schon fast 6Uhr. Die letzten Sekunden werden runter gezählt und los geht es.
Die Marschroute bis km20 ist ziemlich einfach. Im Durchschnitt muß ein 5er Schnitt stehen – bloß nicht schneller!
Ich zog wie letztes Jahr mit Christian los. Allerdings verloren wir uns dieses Jahr recht zeitig an einem Anstieg. Jeder muß hier so laufen wie es an dem Tag für einen gerade paßt. Mit anderen mitlaufen und zeitig bereits überziehen wäre tödlich.
Bei mir lief es dieses Jahr sehr locker in den leichten Anstiegen. Das Dembotraining im Deister zahlte sich aus. Hoch hatte ich keine Mühe mit anderen um mich herum mitzuhalten. Runter zog zwar der eine oder andere mal weg. Hoch war ich wieder ran bzw. zog davon. Sehr konstant wurde in diesem ersten Teil gelaufen. Da bewegte sich kaum etwas an den Positionen, an den Abständen. Hier wußte wohl jeder was er wollte. Ob das heute auch geht, würde sich erst deutlich später herausstellen.

Ich war eigentlich etwas zu schnell unterwegs. Glasbachwiese war Soll 1:28h. Nach 1:27h hatte ich den VP bereits passiert. Km 20 war mit 1:40h auf dem Plan. 1:38h bin ich dort durch. Das Polster wollte ich nutzen, um den Anstieg zum Inselsberg bewußt verhalten anzugehen. Ich lief dort gefühlt auch sehr verhalten und entspannt hoch. Allein, alle die vorher um mich herum liefen, ließen hier abreißen. Das kannte ich so auch noch nicht. Plötzlich war ich allein unterwegs. Erstaunlich locker tippelte ich den steilen Anstieg bei km23 hoch und konnte auch im immer noch leicht ansteigenden km24 wieder gut Dembo aufnehmen. Km25 war Soll 2:08h. Ich war viel zu früh. Die Matte bei km25,5 passierte ich mit 2:03h statt der geplanten 2:09h. Hoffentlich würde sich das nicht rächen.
Klar, noch lief es locker. Wenn, würde es sich erst hinter dem Grenzadler rächen. Jetzt schön sachte runter zum VP, Verpflegung nachtanken und dann auf dem nächsten Streckenabschnitt bis Grenzadler Dembo aufnehmen. Silke stand wie vereinbart direkt hinter dem VP. Etwas irritiert schauten die Leute am VP, die uns Becher hinhielten, als ich alle ignorierte und einfach durchlief. Flasche weg, nächste 125ml Flasche mit Chiasamen, zwei Gels und eine größere Flasche mit dünner angemischtem Chiasamen gegriffen und weiter. Gels und kleine Flasche verstaute ich im Lauf in der Tasche der Laufhose. Dann im Anstieg die andere Flasche geleert und oben Leuten zum Wegwerfen in die Hand gedrückt.

Die nächste Zwischenzeit war 3:04h an der Ebertswiese. Jetzt hieß es Dembo aufnehmen, Zeit rauslaufen. Ein 5er Schnitt reicht nicht für Sub6h. Am Ende müssen 4:57min/km auf der Uhr stehen. D.h., da bei meiner Garmin regelmäßig ca. 1km mehr auf der Uhr steht, muß es eigentlich im Schnitt eine 4:52min/km sein. Da die ersten 25km im 5er Schnitt weggehen, muß jetzt etwas rausgelaufen werden. Das Gelände läßt es ab jetzt auch zu. In dem Abschnitt heißt es locker beschleunigen zu können. Man muß Dembo laufen und darf doch noch keine Kraft groß verbrauchen. Ich konnte das dieses Jahr gut umsetzen. Die Beine waren locker. Ich konnte gut Dembo aufnehmen. Kein Problem. Der Magen hatte zu arbeiten. Alles gut. Nicht übertreiben, nicht nervös werden, einfach die km runterspulen.
An den VPs nahm ich mir jeweils nen Becher Wasser und fertig. Nach einer halben Stunde trank ich etwas von dem dicker angemischten Chiasamen, kurz vor der Ebertswiese das erste Gel. Nein, in ein Versorgungsloch wollte ich diesmal nicht laufen. Einfach nachfüllen bevor der Bedarf angezeigt wird. Nicht erst Tanken, wenn die rote Warnleuchte an geht.
Ebertswiese. Plan war vor 3:04:30h über die Matte zu laufen. Nach 3:00:20h war ich da. Verglichen zum letzten Jahr waren das 3:30min auf die Sub6h. Das ist ne Menge Holz. Hoffentlich nicht überzogen.
Drei Mal war ich nun schon hier mit dem Ziel der sub6h. Heute ging es mir hier immer noch mehr als gut. Das paßte. Der Aufenthalt war der Kürzeste von allen. Becher Wasser und weiter.
Nächster Orientierungspunkt war der zweite Anstieg hoch zu den Neuhöfer Wiesen. 2014 war ich am Ende der Weidensuhlswiese, unmittelbar vor dem Anstieg zum Sperrhügel exakt nach 3:30h. Dieses Jahr war ich 5min eher da. Ein geiles Gefühl, diese Zeit in Kombination mit den lockeren Beinen. Das paßt! Dieses Jahr muß es passen!
Christoph wollte irgendwo zwischen Neue Ausspanne und Sperrhügel stehen. Vielleicht war ich einfach doch schon zu früh da. Hinter dem Anstieg würde er nicht mehr sein. Schade. Ich hätte mich gefreut ihn auf der Strecke zu sehen. Aber er mußte ja auch noch Bilder in Oberhof beim Start der Halbmarathonis machen. Da paßt das nicht immer. Alles gut.
Schon vom VP Neue Ausspanne ging es locker hoch und auch hier ging es völlig locker in den Anstieg. Ich bin doddal überrascht, wie gut es läuft. Ich nehme leicht raus. Kein Druck. Keine Kraft vergeuden und doch laufe ich recht locker da hoch. Das gibt auch dem Kopf auftrieb. Ich laufe auf einen anderen Läufer zu. Gefühlt fliege ich heran. Am Ende des steilen Stückes, dort wo der Übergang in diese elendig lange, nur noch leicht ansteigende Gerade kommt, sehe ich am Wegrand ein Mountainbike liegen. Zwei Leute stehen da mitten im Wald. Ist das etwa Christoph? Ja, einer von beiden ist es. Er schreit mich den Berg hoch. „Auf geht’s Schalk!!!! HEUTE ist DEIN Tag!!!! Ziiiiieh drüüüüübeeeer!!! Giiiiiiib AAAALLEEEEES“

Herrlich. Ich bekomme noch ein Gel und gleich geht es noch mal leichter. Die letzten Jahre tat ich mich genau an dem Punkt wo Christoph stand immer schwer wieder Dembo aufzunehmen. Die steile Steigung ist vorbei, aber es geht weiter leicht hoch. Hier muß man aus der Tippelei wieder in große, schnelle Schritte kommen. Heute ging das doddal easy. Ausgangs des steilen Anstieges stand eine Pace von 6:13 auf der Uhr. Das ist Plan. Ruckzuck sank sie wieder auf unter 5min/km, schneller als erwartet. Hinter den Neuhöfer Wiesen auf einer langen Geraden humpelte vor mir ein Läufer. Ganz offensichtlich hatte er im Unterschenkel einen sauberen Krampf. Für ihn war das Rennen gelaufen. Das verdeutlichte mit noch einmal bloß nicht zu überziehen. Ich war zwar letztes Jahr sehr schnell die letzten 18km ab Grenzadler gelaufen. Aber trotzdem hieß es jetzt mit den Kräften zu haushalten. Bloß nicht überziehen. Ich war schneller als Soll. Ich hatte 5min Luft auf die Zeit von 2014 – also 4min auf sub6h. Jetzt nicht sachte, aber doch auch nicht noch alles versauen.
Den Anstieg vor km50 hatte ich als deutlich steiler in Erinnerung. Eine Bodenwelle war das. Sonst zog es sich immer bis Grenzadler. Diesmal waren diese 4,5km gefühlt deutlich kürzer.
Grenzadler steht eine Dead line. Hier geht für mich der Lauf eigentlich immer erst los. Zwischen Grenzadler und Schmücke entscheidet sich ob der Daumen hoch oder runter geht. Meine Dead line liegt beim Durchlauf Grenzadler bei 10:28Uhr. Wenige laufen den Abschnitt bis Schmiedefeld unter 1:32h. Selbst wenn man 10:28Uhr dort ist, muß man hintenraus noch mal richtig Lack machen. Letztes Jahr brauchte ich 1:32h. Nach 10:28h kann man nen Haken an die sub6h machen oder muß schon sehr gut drauf sein.
Dieses Jahr war ich weit vor der gesetzten Grenze. Würde dies aber reichen? Wie gut bin ich noch drauf? Wie schnell kann ich im Vergleich zu 2014 noch laufen? Wann würde ich diesmal die Wiese zum VP Grenzadler herunter kommen?
Ich kam sie gar nicht runter, die Wiese. Es gab eine Streckenänderung im Bereich Grenzadler. Ich mußte also erst einmal schauen wo es lang ging, schauen wo Silke stand. Würde sie da sein? Letztes Jahr schaffte sie es nicht rechtzeitig.
Der Plan B war nen Becher Schleim und Wasser zu schnappen. Recht spät sah ich Silke und Marion. Auch hier ging die Verpflegungsaufnahme sehr zügig. Flasche und Gels greifen und weiter. Es war so schön und so wichtig, dass die beiden Mädels da waren! Und doch war ich am Inselsberg schon und auch am Grenzadler so was von im Tunnel, dass ich keinen Blick für sie hatte. ;-( Nicht, dass es mir nicht jeweils aufgefallen wäre, wie sträflich das doch war. Leider war ich da immer schon wieder ein paar Minuten auf der Strecke. Tschuldigung! Der Kopf arbeitet da irgendwie etwas anders, langsamer, teils einfach nicht angemessen. Aber das kann man zum Glück später ein bisschen wieder gut machen – hoffe ich jedenfalls.

Der Zeitpunkt der Verpflegung war gut. Der Magen brauchte wieder Nachschub.

In der Auswertung nach dem Lauf sah ich Grenzadler 4:24:23h. aber die Matte lag ja auch weiter hinten dieses Jahr. Im Lauf störte das eh nicht. Ab Grenzadler hatte ich die Durchgangszeiten des vergangenen Jahres im Kopf: 4:35h Stein 16, 4:41h Rondel, 5:51h VP Sommerwiese, 5:01h Suhler Ausspanne, 5:08h Plänkers Aussicht, 5:20h Schmücke und 5:42h Bierfleck.

Es lief wie ein Länderspiel. Hoch Richtung Stein 16. Die Beine waren ruhig. Ich wunderte mich teilweise über das laufbare Dembo. Aber es lief. Kurz vor Stein 16, im Übergang von Hoch auf Runter wurde es erstmals spannend. Hier mußte ich 2012 den Anker bzgl. der „Unternehmung Sub6h“ wegen aufkommender Krämpfen werfen. Auch letztes Jahr zog hier erstmals leicht der Krampf rein. Da konnte ich dies mit Vorfußlaufen hervorragend kompensieren. Und dieses Mal? Nichts! Die Beine schön locker. Nach dem Auslesen der Garmin stelle ich nun fest, dass der km bis zum Rondel runter mit 4:04min wegging, mein schnellster km des Laufes. Hmm, Handbremse sieht anders aus. Rondel genau 5min vor 2014 – Exakt 4:36h. ‚Jetzt schön sachte Schalk! Das Ding wird jetzt heim gelaufen!‘ Dumm, dass ich wußte 2014 hintenraus, auf den letzten 5, 6 km schon noch mal sehr fix gewesen zu sein. Wie schnell war das im Vergleich zu diesem Jahr?

Paceangaben kann man in dem Gelände getrost ignorieren. Die offiziellen km stimmen gerade in dem Abschnitt nicht. Angegeben ist das Stück (km54,4 bis 72,7) mit 18,3km. Vom Halbmarathon steht das Schild km1 kurz vor oder nach unserem km55 und das stand richtig wenige Meter nach dem Grenzadler. Was genau am Ende auf der Garmin steht, weiß man ja auch nicht. Von daher ist es auch müßig sich vorher eine Pace zur Orientierung auszurechnen. Eine Sollzeit hat man zwar, aber die Ist-km (real und von der Laufuhr gemessen) sind leider eine Variable und keine Konstante – so komisch das klingen mag. Es ist so.

Rondel paßte mehr als perfekt. Als nächste Orientierung stand der VP Sommerwiese. Da sollte der vorletzte Anstieg auch im Sack sein. Dann hieß es nur noch den Großen Beerberg hoch und den Rest auch schadlos runter zu kommen. Auch VP Sommerwiese standen die 5min als Plus! Das wird. Die Beine waren immer noch ohne Befund. Ich konnte klasse Dembo aufnehmen. Noch mal Wasser, noch ein Gel. Nix mehr anbrennen lassen.

Erwartungsgemäß ging es ab VP Sommerwiese den Anstieg hoch zur Suhler Ausspanne und weiter zum Großen Beerberg etwas sachter zu. Plänkers Aussicht hatte ich 2014 mit 5:08h passiert. Diesmal standen 5:03:30h auf der Uhr. Das Grinsen kam langsam auf’s Gesicht. Auch wenn ich immer noch den Läufer vor Grenzadler mit dem Krampf vor Augen hatte. Das Ding ist noch nicht im Kasten! Es läuft, aber gegessen ist da noch nichts!

Erst mal runter, dann noch mal die paar Meter zur Wetterwarte hoch. Seit dem großen Beerberg waren jetzt stetig Wanderer mit auf der Strecke. Die müssen diesmal zügiger unterwegs sein, oder zeitiger los. Sonst waren die immer erst hinter der Schmücke, bzw. unten am Borstenplatz unterwegs. Jetzt ging dieses Spalier hier schon los. Das gibt jedes Jahr aufs Neue Gänsehaut. Man läuft auf den letzten Kilometern konzentriert oder euphorisch diesem Ziel entgegen, man passiert Wanderer und dann wird nach vorn „Läufer“ gerufen, die Leute machen Platz, bleiben teilweise stehen und applaudieren – und das über diese lange Strecke vom Beerberg bis ins Ziel (OK, mit der kurzen Unterbrechung vom Mordfleck bis zum Bierfleck.) Irre! Allein das ist es Wert so schnell über den Steich zu fliegen.

An der Schmücke fliegt ein Läufer förmlich an mir vorbei. ‚Mei, hat der ein Dembo drauf!‘ Nein, ich versuche nicht zu folgen. Das wäre tödlich. Zusammen mit einem andern geht es von der Schmücke weg Richtung Borstenplatz. Das ist noch einmal ein schöner Trail. Mit dem Blick nach vorn frage ich, ob er vorbei will. Keine Antwort. Aber er muß doch direkt hinter mir sein? Mit drei, vier Metern Abstand folgt er. OK, dann also in normalem Dembo weiter. Richtung Mordfleck sind wir noch mal richtig fix unterwegs. „Bleib dran, und genieße das hier.“ Meine ich noch. Ansonsten ist die Konzentration eigentlich mehr auf die eigenen Beine und den Weg gerichtet. Es geht runter. Bloß nicht überziehen! Mordfleck. Die Wanderer gehen gerade weiter. Wir biegen rechts ab. An der Gabelung steht ein Ordner. Er muß mir nicht den Weg weisen. Ich weiß genau, was kommt. Runter, Spitzkehre und dann der scheinbar endlos lange Weg zum Bierfleck. Keine 2km dürften das sein. Aber die Gerade zieht sich immer so.
Eingangs dieser Geraden passiert es dann. Es zieht ganz kurz in der linken Wade. Der erste Ansatz von einem Krampf. Scheiße! Wie weit ist es noch? Geschätzt dürften es jetzt noch 6,5km sein. Das kann noch mal weit werden. Und zack, die zweite Wade. Na das kann ja heiter werden. Sofort nehme ich leicht Dembo raus. Zu sehr verlangsamen darf ich auch nicht. So viel Zeit ist nun auch wieder nicht. Der Blick geht auf die Uhr. Rechnen ist nicht mehr. Obwohl, ein 5er Schnitt müßte eigentlich reichen. Nur wenn die Wade richtig anzieht, dann ist es aus. Einen Krampf rausziehen und weiterhumpeln kann ich mir nicht leisten. Das ist in jedem Fall zu vermeiden.

Ich versuche die Füße anders zu belasten, anders abzurollen, irgendwie die Last auf andere Muskeln zu verlagern. Bedingt gelingt das. Es zieht zumindest nicht mehr. Aber diese Ruhe kenne ich schon. Die ist sehr trügerisch. Plötzlich und unvermittelt zieht es dann plötzlich wieder und irgendwann dann eben richtig. Das „Irgendwann“ würde ich gern auf nach dem Zieleinlauf verlegen!

Die Meter verrinnen. Jens ist wieder ran. Wir laufen nebeneinander. Ich will ihn wegschicken. „Lauf zu, meine Waden machen dicht.“ Er bleibt. Hat auch zu tun.

Vorn sehe ich endlich die ersehnte leichte Linkskurve. Direkt im Anschluß geht es in einer Rechtkurve hoch zum Bierfleck. Und wen sehe ich da plötzlich am Wegesrand? Meinen Freund Marco! Herrlich ihn hier zu sehen. Auch wenn ich mich grad leicht konzentrieren muß. Für einen blöden Spruch ist immer Zeit. Jetzt der Anstieg zum Bierfleck. Das ist der letzte kleine Stich. Hoch geht immer erfahrungsgemäß gut. Da besteht keine Gefahr der Krämpfe. Ab Bierfleck noch 4,5km. 5:35h. Das muß doch klappen! Das darf gar nicht mehr schief gehen. Letztes Jahr war ich nach 5:43h dort und nur 43s nach 6:00h im Ziel. Da hatte ich aber auch kein Problem mit Krämpfen!

Schnell einen Becher Cola und weiter. Jens ist wieder ran. Wir laufen zusammen. Er bedankt sich. Wofür? Wir sind zusammen da durch. Wanderer, Klatschen, Skihang, noch mal kurz Hoch, dann Runter, vor allem runter. Jens zieht los. Ich habe ein dickes, fettes Grinsen auf dem Gesicht! In mir ist Anspannung pur. Ich will das Ding heimlaufen! Ich kenne jeden Meter hier. Zum sechsten Mal bin ich nun schon auf der Strecke unterwegs. Diesmal sehe ich doch glatt das Schild 70km. Noch 18min. Eigentlich muß es das sein. 6er Schnitt! Hallo! Nix Hallo, Blödsinn. Das ist keine Frage der Geschwindigkeit. Wenn ich die Waden nicht ruhig halten kann, heißt es stehen bleiben – und dann rinnen nicht Sekunden, dann rinnen Minuten. Nicht so kurz vor dem Ziel! Nicht so kurz vor dem Erreichen einer Zeit, der ich nun schon drei Mal hinterhergelaufen bin und an der ich noch nie so dicht dran war, wie diesmal.

Über die Straße, Links runter in den Waldweg. Hier muß irgendwo die „71“ kommen. Immer mal zuckt eine Wade. Zwei Läufer, die ich am Rondel überholt hatte, fegen an mir vorbei. Es mir so was von egal. ‚Und wenn ich 70ster werde. Nur die anderen 69 müssen dann auch unter 6h sein.‘ Die Gartensiedlung. Ich sehne den roten Bogen entgegen! Dann noch 1km? Oder ist das km73? Es ist egal. Noch einmal kurz Rechts, dann Links, die Gärten, irgendwann endlich der rote Bogen. Die Uhr sagt 5:55h. Das sind keine 500m mehr. Vorn sehe ich schon die Einbiegung zum Sportplatz. Nur noch das kurze Stück Straße und dann der Sportplatz und dann ist das Ding im Sack! Jetzt brennt hier nix mehr an! Das habe ich! Maren kommt mir entgegen, schreit, jubelt, läuft mit mir mit – nein, sie läuft vor mir her. Ich kann das Dembo nicht laufen. Ich will das nicht mehr, aber vor allem kann ich es auch nicht! Ich habe keine Ahnung welche Zielzeit ich einlaufe. Aber eins weiß ich: Da vorn steht eine Fünf!

Eingangs des Sportplatzes schickt sie mich allein weiter. Ich sehe den Zielbogen, viele Leute, niemand außer mir im Zieleinlauf. Da ist auch kein Marathoni. Die Arme gehen hoch, die Finger zeigen auf die Uhr. Da steht ein Fünf und es ist genügend Zeit, bis die Sechs erscheinen wird. Neben dem Zielbogen in den Containern sehe ich am rechten Fenster Janetty mit erhoben Armen stehen!

Es ist geschafft! Ich schreie meine Freude einfach so heraus! Diesmal darf ich Schreien, diesmal ist es vor Freude und nicht vor Wut um 43s!

Zwei Meter vor der Uhr bleibe ich stehen, schaue nach oben und gehe in aller Ruhe über die Zeitmatte!

YES!

Was dann kommt, ist Freude! Freuen mit Gaby, die direkt am Zielbereich steht, Freude mit den anderen, die nach und nach eintrudeln, mit Silke und Marion, die so super beigetragen haben. Es ist was zu feiern! Nicht nur meine Fünf vorn, auch die Leistung der anderen. Gaby war 20min schneller als letztes Jahr, Rina war das allererste Mal mit Hügeln unterwegs, Uwe hat ein klasse Debüt hingelegt, Eli lief neue PB, Thomas war fast eine dreiviertel Stunde schneller, als bei seinem Debüt, Riggo lief PB, … Feiern mit Jan, Maren, Marco, Andreas, Alex, Susi, Christoph, Janet … – Geil! Die Party im Festzelt ist doch immer wieder legenär!

Jetzt kratzt etwas der Hals. Auch ein ordentlicher Schnupfen ereilte mich am Montag. Letzteres würde ich eher der Klimaanlage unterwegs auf Dienstreise zuordnen, als dem bekannten „open window“. Beides ist aber nicht in der Lage mir das Grinsen aus dem Gesicht zu holen. Das ist erst einmal leicht festgetackert.

😉

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6 Gedanken zu “Nur Fliegen ist schöner?

    • Der Lauf war leider auch der zweite Grund, warum ich bei der Neander-Ralley nicht dabei war, Tom. Zwei Wochen nach dem Steig so ein Ding macht man nicht. – Geht zwar. Kann man machen. Ist aber nicht unbedingt gesund. Aber ich lauf die auch mal!
      Gruß Schalk

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